Der deutsche Michel in Karikaturen des Vormärz

Einleitung

Der deutsche Vormärz brachte eine Politisierung weiter Bevölkerungskreise mit sich, die sich nach der passiven Zeit der Restauration und des Biedermeiers eigene Organe schufen, um ihren politischen Anliegen Gehör zu verschaffen. Neben Zeitungen waren dies v.a. Flugblätter, die in Schrift und Bild liberale, nationale oder demokratische Forderungen zum Ausdruck brachten. Beliebtes Motiv in den Karikaturen des Vormärzes war der deutsche Michel, positiv als einigendes Symbol oder auch negativ als tumbe Personifizierung der noch unpolitischen Massen.

Michel im Vormärz

Der deutsche Michel ist bis heute eine der bekanntesten Nationalfiguren der westlichen Welt, die allerdings im Laufe der Jahrhunderte eine wechselhafte Geschichte erfahren hat. In der Karikatur des Vormärzes hatte er eine andere Bedeutung als noch im 18. Jahrhundert. Ziel dieses Referates wird es sein, in einem allgemeinen Teil diesen Bedeutungswandel der Michel-Figur und die Medien der Karikatur, des Flugblattes und des Bilderbogens darzustellen, um in einem zweiten Teil anhand von zwei weitverbreiteten Michel-Karikaturen des Vormärzes den Zusammenhang von Nationalfigur und Nationalismus zu erläutern.

Flugblätter und Bilderbogen

Bilderbogen

Bilderbogen waren nach einer Definition des Brockhaus von 1953 „Druckblätter mit Bildfolgen (inhaltlich zusammengehörenden Reihen) samt kurzen gereimten Texten, die auf Jahrmärkten und Kirchenfesten feilgeboten wurden. Sie waren zur Erbauung, Belehrung, Belustigung und zur Verbreitung von Nachrichten, auch als Mittel im religiösen und politischen Streit bestimmt und sind aus dem Einblattdruck des 15. Jahrhunderts hervorgegangen.“ Im gesamten 19. Jahrhundert waren sie im deutschen Bürgertum sehr beliebt, deren konservativ-traditionelle Normen und moralische Werte die Bilderbogen bevorzugt widerspiegelten. Einer der berühmtesten Bilderbogen-Zeichner, der uns auch heute noch bekannt ist, war Wilhelm Busch, dessen „Max und Moritz“ schon den Übergang vom Bilderbogen zum Comic darstellen.

Vertrieben wurden die Bilderbogen über Verlagswerkstätten, Vertragshändler, z.B. Bahnhofsbuchhandlungen, oder durch Kolporteure auf dem Lande. Mit der Erfindung des preiswerten Steindrucks (Lithographie) wurden Massenproduktionen möglich. Die mittlere Auflagenstärke lässt sich wohl ungefähr auf 5000 Exemplare pro Titel schätzen, wiewohl sich bei beliebten und sensationellen Themen auch 10.000 bis 20.000 Exemplare verkauften. Der Preis im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts lag z.B. in München bei 10 Pfennig pro Bilderbogen, handkoloriert bei 20 Pfennig.

Flugblätter

Flugblätter beschäftigten sich im Gegensatz zu den Bilderbogen seit ihrem Ursprung in den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts mit den Angelegenheiten des Volkes und waren gegen das herrschende Kommunikationssystem gerichtet. Nach den Bauernkriegen verlor das Flugschriftenwesen allerdings wieder an Bedeutung für das einfache Volk. Erst mit der Französischen Revolution wurde das Volk erneut „Subjekt geschichtlichen Handelns und damit (…) Adressat politischer Erörterungen“, die nun vermehrt in Flugblättern stattfanden. Unter der napoleonischen Besatzung Deutschlands bedienten sich besonders die nationalen Kreise dieser Methode. Trotz Zensur und Berufsverboten für Verfasser und Drucker dieser Flugschriften kam es nach der Juli-Revolution 1830 zu einer umfangreichen Flugblatt-Produktion der zahlreichen „Preß- und Vaterlandsvereinen“. Ihr Ziel war es, eine liberale Gegenöffentlichkeit zusammen mit Intellektuellen, Bauern und pauperisierten Handwerkern zu schaffen.

Diese Suche nach Volksnähe drückt sich auch im Vertrieb der Flugblätter aus: sie wurden weitgehend kostenlos und unabhängig vom bürgerlichen Buch- und Kolportagehandel verteilt. Flugschriften oder Bilderbogen käuflich zu erwerben war für Arbeiter, Handwerker und Arbeitslose auch nicht selbstverständlich, machte der Preis, ein Silbergroschen, doch oft 1/10 ihres Tageslohnes aus.

Karikatur

Hinter dem Begriff „Karikatur“ verbergen sich im deutschen Sprachgebrauch zwei verschiedene Begriffe: Zerrbild und Spottbild. Das Zerrbild stellt ein „absichtlich verzerrtes Spiegelbild von Personen, Einrichtungen oder Zuständen“ dar, während das Spottbild „mehr eine typenbildende Bedeutung für Gruppen und Institutionen“ hat.

Obwohl Karikaturen in diesen beiden Bedeutungen schon seit dem 16. Jahrhundert existieren, wurden sie besonders im 18. Jahrhundert beliebter. Seit der Französischen Revolution sind sie ein Medium im politischen Kampf. Von England aus wurde die Karikatur als geistige Waffe gegen Napoleon Bonaparte auch in Europa verbreitet, erst nur in der Außen-, bald aber auch in der Innenpolitik. In Deutschland führte erst die Revolution von 1848 zum großen Durchbruch der Karikatur. „Die Karikatur wird zu einem prominenten Gestaltungsmittel für gesellschaftliche Problemanalysen und politische Programme.“

Aus diesem Grund unterlag sie auch immer wieder den Beschränkungen der verschiedenen Regierungen. Nur von Zeit zu Zeit wurde im restaurativen 19. Jahrhundert die Zensur aufgehoben, wie 1842 von Kaiser Friedrich Wilhelm IV. Diese Zensurfreiheit dauerte zwar nur wenige Monate, hatte aber einen wahren Sturm an Karikaturen zur Folge. Ansonsten drückte die Zensur im Deutschen Bund gerne ein Auge zu, wenn in der Karikatur die Verhältnisse im „Ausland“ angekreidet wurden, weshalb auch viele preußische Karikaturen im liberaleren Sachsen gedruckt und dann nach Berlin geschmuggelt wurden.

Es lassen sich verschiedene Darstellungstypen einer Karikatur feststellen: apersonale Sachkarikatur, personale Typenkarikatur und personale Individualkarikatur. Die Sachkarikatur bezieht sich, wie der Name bereits sagt, auf Sachen und Gegenstände, während die personale Individualkarikatur Individuen, v.a. bekannte Politiker mit besonders charakteristischen Accesoires darstellt. Die personale Typenkarikatur jedoch stilisiert „handelnde Einheiten“ wie Staaten oder soziale Gruppen „auf einen Idealtypus hin“, so dass eine Karikatur-Figur für eine ganze Einheit steht. Das kann der deutsche Michel sein oder die französische Marianne, beide stehen für die ganze Nation und werden mit ihr verknüpft. 

„Der politischen Karikatur geht es um die Aufdeckung einer im Geschehen enthaltenen (…) Wahrheit“. Sie versteht sich jedoch „nicht als Illustrierung des Geschehens, will nicht Abbild, sondern Sinnbild sein.“ Zu diesem Zweck verwendet sie als wesentliches Stilelement die Verfremdung. Doch darf diese Verfremdung nicht überzogen werden, die karikierte Person, Gruppe oder Geschehen muss noch erkennbar sein, durch charakteristische Accesoires oder Ausdrücke. Die Karikatur spricht sowohl die Vernunft als auch die Emotion an und will dadurch Bezüge herstellen zwischen Wirklichkeit und Verfremdung.

Der deutsche Michel

Noch heute taucht der deutsche Michel mit seiner Zipfelmütze immer wieder in politischen Karikaturen des In- und Auslandes auf, um z.B. den dummen Deutschen darzustellen, der sich ohne Protest Steuern aufdrücken lässt. Woher kommt dieses Bild des deutschen Michels, und wie wurde er in der Vergangenheit gedeutet? Zu seiner Entstehung gibt es unterschiedliche Theorien. Eine Deutung führt ihn direkt auf den Erzengel Michael zurück, der als Leuchtgestalt im Kampf des Lichtes gegen die Finsternis seit dem Jahr 911 n.Chr. Schutz- und Bannherr des Deutschen Reiches war. Eine andere Theorie, die im Gegenteil zur erstgenannten bereits den Aspekt der „Dummheit“ erklärt, geht von den deutschen „Michelbrüdern“ aus, die im 15. Jahrhundert Kinderwallfahrten zum französischen Mont St. Michel initiierten. Von den Liedern, die die Michelbrüder sangen, verstanden die Franzosen nur das immer wiederholte „Michael“, was dem französischen Wort „michelot“ ähnelte, eine Bezeichnung für einen Betteljungen oder einen frömmelnden Heuchler, der nur zum Schein wallfahrtet. So wandelte der Name „Michel“ sich zum Spottnamen für die dummen deutschen Wallfahrer, die ihr weniges auf dem Weg erbetteltes Geld nach Frankreich brachten. Vielleicht stammt der deutsche Michel aber auch von dem im ausgehenden Mittelalter beliebten Namen „Michel“. Vor allem unter den deutschen Bauern war „Michel“ so verbreitet, dass im Zweifelsfall jeder Bauer Michel mit Vornamen hieß. Das mag auch daran liegen, dass dieses Wort kongruent mit dem mittelhochdeutschen Adjektiv „michel“ für stark, gewaltig, mächtig war. Namen mit großer Popularität erfahren oft nach einer Weile eine Inflation, die ihnen einen abfälligen Sinn gibt, wie „dumme Liese“, „Klein-Fritzchen“ oder „Hinz und Kunz“ für die alten deutschen Kaisernamen Heinrich und Konrad.

Michels Zipfelmütze

Bereits 1541 findet sich in Sebastian Francks Sprichwörtersammlung der Michel als Synonym für einen „groben dölpel und fantasten“. Im Humanismus wurde es erstmals zum Schimpfwort für den ungebildeten, im Lateinischen nicht bewanderten Deutschen, welches später, im 17. Jahrhundert, auch positiv gewertet wurde: der ehrliche deutsche Michel, der seine deutsche Sprache hochhält. Seit dem 18. Jahrhundert entstanden der bäurische Michel, als arbeitsamer, aber verträumter Bauern-Knecht, und der philiströse „Vetter Michel“, von dem vermutlich auch die typischen Michel-Requisiten Pfeife und Zipfelmütze stammen. Die Nachtmütze war zu jenem Zeitpunkt schon länger Kennzeichen für Spießbürger mit beschränktem Verstand und furchtsamer Natur.

Vormärz und danach

Michels Karriere als politische und nationale Gestalt begann erst im Vormärz, als das Adjektiv „deutsch“ zunehmend politisch wurde, „der deutsche Michel der Revolutionszeit als verkörperte Bemühung um ein freiheitliches und einiges Gesamtdeutschland“. Häufig wurde er als verschlafender Riesen-Michel dargestellt, der 1813 zwar aus langem Schlaf erwachte, aber inzwischen wieder eingeschlafen war, eingeschläfert wurde oder auch, mehr als Ausdruck einer Hoffnung denn einer Realität, nicht mehr einzuschläfern war. Näheres hierzu später bei der Besprechung der beiden Karikaturen. Nach der März-Revolution stellte die Karikatur den Michel wieder vom Schlaf übermannt dar, Ausdruck der Enttäuschung über die missglückte Revolution und der Verbitterung über die aufgezwungene Reichsverfassung.

20. Jahrhundert

Vor dem und während des Ersten Weltkrieges wurde Michel innenpolitisch immer noch träge und gleichgültig, außenpolitisch jedoch als „guter“ Michel dargestellt, der den absoluten Friedenswillen ausdrückte, aber auch entschieden kämpfte, wenn es nötig war. Im Dritten Reich war die Michel-Figur offiziell verpönt, da sie als zu „dämlich“ galt. In der BRD wurde sie allerdings wieder aufgegriffen, als Symbol für das Streben nach Wiederaufbau oder auch, als geteilter oder doppelter Michel, erneut als Symbol für die deutsche Einheit, wenn auch weitaus resignierter und weniger kämpferisch als im letzten Jahrhundert. Nach 1989 tauchte Michel in der Karikatur nur mehr als dummer Bürger auf, der vom Staat geschröpft wird, ohne dagegen zu protestieren. Er ist neutraler geworden, und nur die Zipfelmütze ist geblieben.

Michel erwache!

Der deutsche Michel mit Zipfelmütze ist in dieser Karikatur aus dem Jahr 1843 bewegungsunfähig in einem Kinderstuhl eingeklemmt, sein Kopf lehnt an einem Kissen mit einem Lamm. Ein Maulschloss verhindert seinen Protest. Auf seiner Brust sind Zahlenfelder zu sehen, die die 37 souveränen Fürstentümer und Reichsstädte darstellen.

Auf dem linken Stiefel sind der österreichische und auf dem rechten, halb vom Flicken verdeckt, der preußische Adler als 38. deutscher Bundesstaat abgebildet.

Michel wird von allen Seiten bedrängt. Der elegant uniformierte, sehr dünne Mann zu seiner Linken, soll Fürst Metternicht sein, der sich selbst „Kutscher Europas“ nennt. Dieser lenkt im 19. Jahrhundert die deutsche Politik gegen den Willen des national und liberal denkenden deutschen Volkes. Er lässt Michel zur Ader, sein Blut wird zu Geld: Der Karikaturist wirft Metternicht vor, dass er sich an Michels Elend bereichert. Weil Metternicht außerdem für Demagogenverfolgung und Repression steht, besitzt er auch den Schlüssel für das Maulschloss, das Michel unterdrückt.

Russlands tödliche Umramung

Der Mann mit der Pelzmütze, der hämisch lächelnd hinter Michel steht, ist die konservative Großmacht Russland. Zar Nikolaus I., der sich selbst gern als „Gendarm Europas“ bezeichnet, kämpft gegen jegliche revolutionäre Bestrebungen, wie z.B. 1830 gegen den Aufstand in Polen, der bei den deutschen liberalen Kräften große Sympathie für die polnischen Exilsuchenden hervorrief. Einerseits stellt sich Russland mit Preußen gut und legt Michel eine hand beruhigend auf die Stirn, denn zusammen mit Preußen und Österreich gehörte Russland zum konservativen Ostblock. Andererseits bedeutet diese Annäherung für Michel, dem Repräsentanten des deutschen Volkes, eine geradezu tödliche Umarmung, die ihm die Luft nimmt.

Auf Michels linker Seite reisst ein Mann in französischer Uniform an seinem linken Ärmel. Hier wird an die Rheinkrise 1840 erinnert, in der die Franzosen die linke Rheinseite als Grenze beanspruchen und damit die deutsch-französischen Differenzen auf einen empfindlichen Punkt bringen.

England gegen Freihandel

Die englische Bulldogge unten im Bild zerrt an Michels Geldbörse. Tatsächlich schwächt England den Deutschen Bund durch seine restriktive Handelspolitik seit 1815 wirtschaftlich erheblich. Großbritannien wehrt sich erfolgreich gegen eine Freihandelspolitik. Englische Produkte überschwemmen jedoch den deutschen Markt, was wenige Jahre nach Erscheinen dieser Karikatur auch zu den Schlesischen Weberaufständen und anderen Maschinenstürmen und Fabrikenprotesten führt.

Der traditionell konservative Vatikan schimpft im Hintergrund mit Petrischlüssel und Hirtenstab gegen alle revolutionären Bestrebungen. Und das Bundesheer, das seit den Karlsbader Beschlüssen 1819 550.000 Mann aus den Kontingenten der Bundesstaaten umfasst, exerziert zwar, kann aber nicht aktiv eingreifen und das deutsche Volk, den Michel, verteidigen. Der Dualismus der beiden Großmächte Österreich und Preußen lähmt das Bundesheer, so dass es nur nutzlos paradiert.

Sehr populär

Über den Künstler R. Sabatky oder den Julius Springer Verlag und Buchhandlung in Berlin, in dem diese Karikatur 1843 als Kreidelithographie herausgegeben wurde, ist bis auf die Namen, die sich aus dem Prägestempel ergeben, nichts bekannt. Sicher ist jedoch, dass es sich um eines der populärsten Blätter der Zeit handelt. Noch heute ist das Blatt in vielen, teilweise auch kolorierten Exemplaren und in verschiedenen Versionen erhalten. Außerdem gibt es eine 23-seitige Broschüre „Der deutsche Michel. Erläutert von einem Freunde und Leidensgenossen“, die anonym im Jahre 1843 in Leipzig erschien und sich in vorsichtigen Andeutungen mit der vorliegenden Karikatur auseinandersetzte.

Die Karikatur will weniger an konkrete Ereignisse erinnern als vielmehr eine Stimmung zeigen, die im national gesinnten Bürgertum in Deutschland weit verbreitet war. Sie sahen ihr deutsches Vaterland von fremden, feindlichen Kräften umringt und in seiner Souveränität beeinträchtigt. Nur ein „Erwachen“ des Michels konnte daran etwas ändern.

Michel ist erwacht

Nationale Kreise forderten bereits vor der Märzrevolution 1848 laut nach der Vereinigung der deutschen Staaten. Nur gemeinsam unter preußischer Führung könne man gegen die Machtinteressen anderer Länder auftreten. Das machte die erste Karikatur deutlich. In dieser zweiten, die eine direkte Fortsetzung ist, ebenfalls 1843 von R. Sabatky gezeichnet, zeigt sich dieses dramatische Erwachen des „deutschen Michels“.

Michel ist aus seinem Kinderstuhl ausgebrochen. Das Maulschloss ist gesprengt, die Schlafmütze ist heruntergefallen, und die preußische Pickelhaube kommt zum Vorschein. Der Kleinstaaten-Latz fliegt davon, der preußische Adler prangt nun selbstbewusst auf Michels Brust, und er schwingt die starke Eichenkeule. Er tritt auf die Pergamentrolle mit dem adeligen Stammbaum und den Diplomatendegen.

Die Feinde kriechen vor ihm

Grimmig schaut er, zwei Fingern zum Siegeszeichen erhoben, auf seine Feinde. Die liegen oder knien unter ihm: Der Diplomat Metternicht versucht sich kriechend zu retten, der Russe bettelt auf Knien, dass man ihn verschone. Der Papst im Hintergrund, um den ein Gewitter tobt, verliert Petrischlüssel und Hirtenstab im Sturm und nimmt seine dreifache Krone ab. Die englische Bulldogge versteckt sich zitternd hinter ihrer Hundemarke, während der Franzose dahinter von einem deutschen Soldaten mit Pickelhaube mit einem Bajonett bedroht wird. Das Motiv auf dem Kissen des Kinderstuhls zeigt nun einen emblematischen Löwen, der einen Drachen zerfleischt, und über Michel geht eine strahlende Sonne auf.

Die Zeichnung, genau fünf Jahre vor der Märzrevolution von 1848 erschienen, nimmt den Umsturz, der damals noch utopisch erscheinen musste, geradezu prophetisch vorweg. Auch diese Karikatur war in ihrer Zeit sehr populär, es finden sich viele Versionen von anderen Zeichnern, die oftmals einen jungen, starken und schlanken Michel statt des beleibten Alten zeigen.

Nationalfigur und Nationalismus

Mit der Situation nach dem Wiener Kongress konnten sich deutsche Nationalliberale nicht zufrieden geben. Gegen den dezentralen Staatenbund, der durch den preußisch-österreichischen Dualismus innen- und vor allem außenpolitisch gelähmt wurde, protestierten sie immer wieder. Die Julirevolution und das Hambacher Fest zeigten dies deutlich. Doch sie hatten zunächst keinen Erfolg. Verschärfte Repression, Pressezensur und Versammlungsverbote setzten die Restauration durch. Die Hoffnung auf einen souveränen Nationalstaat blieb jedoch bestehen und baute sich weiter auf, je schärfer die Repression wurde. Vor allem die französische Forderung der Rheingrenze 1840 weckte auch in zuvor weniger nationalistischen Kreisen einen Patriotismus. Auch die ersten Jahre der Herrschaft Friedrich Wilhelms IV. standen im Zeichen dieser zunehmenden Nationalisierung: Das Kölner Dombaufest 1842 und die „Tausendjahrfeier des Reiches“ 1843, initiiert durch den „Romantiker auf dem Thron“, setzten nationale Symbole.

Michel als deutsches Symbol

In den beiden vorgestellten Karikaturen repräsentierte die Figur des Michels das bedrückte und entzweite deutsche Volk. Die Befreiung konnte, so mochte es der Zeichner sehen, nicht von Fürsten jedweder Art, sondern nur vom Volk selbst ausgehen. Deshalb appellierte er durch den Michel direkt an die Deutschen, sich aufzuraffen und dem unwürdigen „Kinderstuhl“ der Repression zu entsteigen. Die Figur des Michels, zuvor oft noch als Repräsentant einzelner Gruppen gezeichnet, stand im Vormärz erstmals für das ganze deutsche Volk. Der deutsche Michel wurde somit zur Nationalfigur eines vereinigten starken deutschen Nationalstaates. Wem der Zeichner in diesem Nationalstaat die Führungsposition zugestand, machte er im zweiten Bild deutlich: Das neue deutsche geeinte Reich sollte unter Preußens Vorherrschaft zu neuem Glanz erstrahlen. Damit drückte er die bürgerlich-liberale Stellung zu dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. aus, der zunächst den liberalen Forderungen nach Beendigung der Demagogenverfolgung und der Einberufung von Provinzialständen entsprach.

Friedrich Wilhelm als Hoffnungsträger

1843, zum Zeitpunkt des Erscheinens der Karikatur, galt Friedrich Wilhelm IV. noch als große Hoffnung des politischen Bürgertums. Ein deutscher Nationalstaat unter Preußens Führung versprach nationale Einheit und gemäßigte liberale Reformen. Michel sollte sich von äußeren, ausländischen Fesseln befreien, aber nicht innerlich erschüttert werden durch einen revolutionären Umsturz, der nicht im Interesse des besitzenden Bürgertums liegen konnte (- Michel bleibt auch nach dem „Erwachen“ beleibt -). Sieben Jahre nach Erscheinen der beiden Karikaturen zeigte sich das Scheitern der nationalen Hoffnungen: Die einzigen Erfolge der Märzrevolution waren die Absetzung des verhassten Metternicht und die erstmalige Erfahrung einer nationalen, demokratischen Einheit, die allerdings nur kurz währte. Friedrich Wilhelm IV. brachte für das Streben nach einer Konstitution parlamentarischer Art kein Verständnis auf und lehnte die ihm vom der Frankfurter Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone ab.

Michel schläft wieder ein

Der Deutsche Bund mit seinen Kleinstaaten wurde wieder eingesetzt, der preußisch-österreichische Dualismus verschärfte sich, und die Reaktion begann, wieder vorrevolutionäre Verhältnisse herzustellen. In den Karikaturen der 1850er Jahre ist die Nationalfigur Michel denn auch erneut eingeschlafen.

Literatur:

  • Badischer Kunstverein e.V., Politische Karikatur des Vormärz (1815-1848). Ausstellungskatalog, Karlsruhe 1984
  • Peter Burg, Der Wiener Kongreß. Der Deutsche Bund im europäischen Staatensystem, München 1984
  • Bernd Grote, Der deutsche Michel. Ein Beitrag zur publizistischen Bedeutung der Nationalfiguren, in: Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung, Bd. 11, Dortmund 1967
  • Elke Hilscher, Die Bilderbogen im 19. Jahrhundert, München 1977
  • Dieter Langewiesche, Europa zwischen Restauration und Revolution 1815—1849, München 1993
  • Wolfgang Marienfeld, Politische Karikatur, in: Geschichte lernen, H. 18, November 1990, S.13-21
  • Hagen Schulze, Der Weg zum Nationalstaat. Die deutsche Nationalbewegung vom 18. Jahrhundert bis zur Reichsgründung, München 1985
  • Helmut Wäscher, Das deutsche illustrierte Flugblatt, 2 Bände, Dresden 1956
  • Sigrid Weigel, Flugschriftenliteratur 1848 in Berlin. Geschichte und Öffentlichkeit einer volkstümlichen Gattung, Stuttgart 1979

Birgit Köhler

Journalistin
Historikerin
Lyrikerin
aus Bremen