Cargo-Kulte in Melanesien

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Melanesien – Geographie, Ökonomie, Ethnologie und Geschichte

Einzelbeispiele

Der Mansren-Kult

Der Vailala-Wahn

Die Yali-Letub-Bewegung

Vorwort

Im 20. Jahrhundert gab es eine große Zahl religiöser Bewegungen auf den Südsee—Inseln Melanesiens, die sich trotz ihrer Vielfalt auf ein Gemeinsames reduzieren lassen: die Hoffnung auf Güter, „Cargo“. Der Grundablauf dieser Cargo-Kulte lässt sich wie folgt be­schreiben: Ein Prophet tritt auf, der den nahenden Weltunter­gang mit Sintflut und Erdbeben ankündigt, in dessen Verlauf alles Alte zerstört wird: Nach dieser Apokalypse werden die Ahnen oder Kulturheroen mit reichen Geschenken zurückkehren und eine Herrschaft des Güterüberflusses und der Glückselig­keit errichten. Die Menschen, die dem Prophet anhängen, be­reiten sich mit verschiedenen Riten auf den Advent vor: Sie vernichten oft ihren Besitz und bauen Vorratshäuser und Landeplätze für die Befreier. Wenn die Prophezeiung unerfüllt bleibt, sind die Kultanhänger enttäuscht, wenden sich sakra­len oder politischen Mitteln zu, um ihre Situation zu ver­bessern oder huldigen dem Kult im Verborgenen weiter. Welche unterschiedlichen Formen die Cargo-Kulte annehmen können, soll dieses Referat darstellen. Da es aber unmöglich ist, alle Kulte im einzelnen anzuführen, werden zunächst drei Kulte exemplarisch vorgestellt. Daraufhin wird der Versuch unternommen, einige Verallgemeinerungen zu finden, die sich aus den verschiedenen Cargo-Kulten ableiten lassen. Grundlage dieses Referates sind zwei Bücher: “Die Posaune wird erschallen“ von Peter Worsley (1957, dt. 1973), worin Worsley eine tendenzielle Entwicklung von primitiv-magischen zu politisch-säkulären Bewegungen annimmt; und Friedrich Steinbauers “Melanesische Cargo-Kulte. Neureligiöse Heilsbewegungen in der Südsee“ (1971), in dem der Autor bisherige Darstellengen zusammenfasst und statistisch auswertet.

Melanesien – Geographie, Ökonomie, Ethnologie und Geschichte

Die melanesischen Inseln liegen im westlichen Pazifik zwi­schen Indonesien und Australien. Papua-Neuguinea, die größte Insel Melanesiens, ist Zugleich die zweitgrößte Insel der Welt. Auf den ca. 967 000 qkm, die sich auf Neuguinea, die Admiralitätsinseln, das Bismarckarchipel, die Salomonen, die Neuen Hebriden, die Fidschi-Inseln, Neukaledonien und Westirian verteilen, leben über 5 Millionen Einwohner (1992) aus vielen verschiedenen ethnischen Gruppen. In den fruchtba­ren Küstengegenden ist das Land zum Teil dicht besiedelt, das übrige sehr gebirgige Land weist eine eher geringe Be­völkerungsdichte auf. Bis auf die Fidschi-Inseln und Neukaledonien ist Melanesien wirtschaftlich rückständig. Den Hauptlebensunterhalt be­streiten die Einwohner mit dem Anbau von Yams, Sago und Süß­kartoffeln und Schweinehaltung. Überschüssige Produktion, die nicht unmittelbar abgesetzt werden kann, wird bei großen Festen verteilt. Der Gastgeber steigert sein Ansehen, je prachtvoller und verschwenderischer die Feste sind. Diese Feste sind im melanesischen Denken ein fest verankerter Weg zu politischem Erfolg und religiöser Autorität. Die Trobriand-Inseln, die von Malinowsky während des Ersten Weltkrieges hinreichend untersucht und beschrieben wurden, bilden eine Sonderform in Melanesien. Nicht überall ist die politische Struktur erblich wie dort. Meistens hat jedes Mitglied der Dorfgemeinschaft die Möglichkeit, durch eigene Anstrengung, z.B. durch Feste, sozial aufzusteigen. Die Europäer eroberten zuerst Fidschi und Neukaledonien, die anderen Inseln wurden durch ihre gebirgigen, unzugäng­lichen Gegenden zum Teil erst sehr spät von Europäern entdeckt. Dadurch finden wir in Melanesien auch keinen einheitlichen Wandlungsprozess, Cargo-Kulte blühten immer wieder in den verschieden entwickelten Gebieten auf. Die besten Böden nahmen die Europäer, um darauf Plantagen zu errichten, vor allem für den Anbau von Kokosnusspalmen, aus deren getrockneten Früchten Kopra, der Rohstoff für Kokosöl, für den Export gewonnen wird. Ab 1926 wurde in einigen Gebieten auch Gold und Kautschuk abgebaut. Diese Plantagen- und Bergbauwirtschaft benötigte viele ungelernte Arbeiter, die per Kontrakte an die Arbeitgeber gebunden wurden. Kontraktarbeit war oft die einzige Möglich­keit für die Melanesier, Geld zu erwerben. Geld wiederum brauchten sie, um die von den Europäern erhobenen Kopf­steuern zu zahlen. Kontraktarbeit veränderte aber nachhaltig das Sozialgefüge der Melanesier. Die meist jungen Männer wurden für zwei bis drei Jahre in Baracken weit von ihrem Dorf entfernt untergebracht und mussten für den weißen Arbeitgeber arbeiten. Im Dorf mussten die traditionellen Männerarbeiten nun von den zurückgebliebenen Frauen über­nommen werden. Viele Riten wurden vernachlässigt, da die Männer fehlten. Die heimkehrenden Männer hatten ihre Rolle im Dorf verloren und wurden frustriert und gelangweilt. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen waren sehr schlecht, was immer wieder zu Desertationen führte. Und trotz allem fehlte es nie an „freiwilligen“ Meldungen zur Kontraktarbeit. Die Verlockungen der Güter des „weißen Mannes“, die nur durch Geld zu erwerben waren, standen der Abneigung, das heimatliche Dorf zu verlassen, und den Entbehrungen des harten Barackenlebens gegenüber. Der Traum vom Reichtum veranlasste viele jungen Männer, aus der dörflichen Gemein­schaft fortzugehen, sich für ein paar Jahre zu verdingen und anschließend in die Stadt zu ziehen und an der „weißen“ Lebenswelt teilzuhaben . Die Preisschwankungen für Kopra auf dem Weltmarkt taten ein übriges, um das traditionelle Wertesystem zu erschüttern: „Viel Export, aber wenig Gewinn für das Volk selbst musste die Gesellschaft der Weißen in den Augen der Insulaner noch mysteriöser und irrationaler erscheinen lassen. (…) Diese der europäischen Gesellschaft zu­grunde liegende Irrationalität schuf nicht nur große Härten, sie zerstörte das Vertrauen in rationale Unter­nehmungen, erzeugte Frustrationen und untergrub das Verantwortungsgefühl.“ Auch die Missionen trugen wenig dazu bei, die Missverständ­nisse zwischen Melanesiern und Europäern aufzuklären; im Gegenteil, die vielen verschiedenen Missionen, die alle um ein und denselben Gott konkurrierten, verwirrten die „Hei­den“ oft noch mehr. Die Missionare, in deren Händen Bildung und Erziehung lagen, brachten Lesen so weit bei, dass es zum Lesen der Heiligen Schrift ausreichte, sie erklärten aber nicht den Wandel der Welt und die europäische Gesellschaft, so dass bei den Melanesiern das Misstrauen wuchs, ihnen werde bestimmtes Geheimwissen vorenthalten, das sie in die Lage versetzen würde, es den Weißen in Reichtum und Besitz gleichzutun. Viele Cargo-Kulte zielten auch gerade darauf ab, dieses „Geheimwissen“ zu erlangen und verwarfen ihr eigenes traditionelles Wissen . Ein weiterer Punkt, der die Verwirrung mehrte, war der rasche Wechsel der Beherrscher vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, und die Not, die aus den Kriegshandlungen auf den Inseln selbst erwuchs. All diese Erscheinungen bilden den Hintergrund für etliche Cargo-Kulte: die Ambivalenz gegenüber den Weißen und erheb­liche Verwirrung und Unverständnis, Beeinflussung vom Chri­stentum, Zerstörung ihrer traditionellen Lebensweise von außen durch Kontraktarbeit, und von innen, um in den Besitz des „Geheimwissen“ zu gelangen.

Einzelbeispiele Der Mansren-Kult

Der früheste Fall von Cargo-Kult überhaupt trat 1857 in Niederländisch-Neuguinea auf. Dieser Kult um den Kultur-hero Mansren löste zahlreiche Begegnungen über 65 Jahre hinweg aus. Er folgte dem Muster traditioneller Ursprungs­und Schöpfungsmythen, und zwar hauptsächlich der Mythe von Mansren: Ein alter hässlicher Mann lebte allein auf einer einsamen Insel. Ab und zu bereitete er sich etwas Palmwein. Eines Tages bemerkte er, dass ihm jemand von diesem Wein stahl. Er legte sich auf die Lauer und stellte den Dieb, den Morgenstern in der Gestalt eines Jünglings. Dieser versprach ihm drei Wünsche, wenn er ihn frei ließe. Der Alte wünschte sich Schönheit und Jugend, ein Zauberholz, der alles Wirklichkeit werden ließ, was man damit in den Sand zeichnete, und eine Frucht, die, nach einer Frau geworfen, diese schwanger werden ließ. Der alte Mann probierte diese Frucht sogleich an einem jungen Mädchen aus. Das Mädchen gebar einen Sohn, und um den Vater festzustellen, wurde im Dorf ein Tanzfest veranstaltet. Als das Baby den alten Mann sah, rief er ihn mit „Vater“ an. Das ungleiche Paar wurde aus dem Dorf verstoßen und fuhr mit einem Kanu, dass das Zauberholz ge­schaffen hatte, davon. Unterwegs schuf der alte Mann die einzelnen Inseln, damit sein Sohn Konor Land zum Spielen habe. Um seine Frau zu erfreuen, beschloss der Alte, seine alte hässliche Haut in einem Feuer abzuwerfen und als strahlender junger Mann herauszutreten. Daraufhin nannte seine Frau ihn Mansren. Weil seine Frau sich aber Gesell­schaft wünschte, erschuf Mansren in der Folge die Menschen und ordnete sie in vier Stämme, gab ihnen Recht und Ordnung, heilte die Kranken und regierte lange Zeit über sie. Diese Herrschaft der Glückseligkeit endete allerdings, als Teile der Bevölkerung gegen Mansren zu meutern begannen. Mansren verließ die Menschen im Zorn, begab sich in ein fernes Land im Westen, wo traditionell das Totenreich lag, und brachte den Menschen dort Wohlstand. Das sei, so erklärt es der Mythos, der Grund für den Reichtum und die Macht der Weißen, die ja aus dem Westen kamen und so bleich wie die Toten waren. Einst aber würde Mansren zurückkehren und auch den Bewohnern der Inseln alles Wichtige beibringen. Als Boten wird er seinen Sohn Konor schicken, der den Menschen Mansrens baldige Ankunft und das beginnende Goldene Zeitalter des Koreri melden soll, in dem Einheit, Überfluss, Friede und Harmonie herrschen werden. 1857 tauchte das erste Mal ein Mensch auf, der sich als Konor verstand; 1867 und 1883 folgten weitere, doch hatten diese ersten Boten des Koreri noch kein revolutionäres Potential. 1886 wurde erstmals die Ankunft von Schiffen mit Cargo prophezeit, und der Konor brachte anti-weiße Tendenzen in den Glauben an Mansren, was Meutereien, Angriffe auf eine Faktorei und sogar eine Ermordung eines weißen Kolonialbeam­ten zur Folge hatte. Verhaftungen beendeten diese Phase des Kultes. 1909/10 wurde die Feindschaft gegenüber den Weißen von einem neuen Konor angeführt: Er verkündete, Mansren werde als König der Papua zurückkehren, wenn alle Fremden aus dem Land vertrieben seien, und rief zu passivem Widerstand gegen die Regierung und das Steuersystem auf. 1911 wurde er ver­haftet, behielt aber seinen Einfluss in der Bevölkerung, ein Zeichen der wachsenden Unzufriedenheit. 1928 forderte ein weiterer Konor, die Kultanhänger sollten ihre Arbeit aufgeben, da Mansren 10 Tagen nach dem Weltende kommen werde. Dieses trat zwar nicht ein, der Konor konnte aber auch nach seiner Verhaftung noch Tausende Anhänger versammeln. 1934 erweiterte sich die Prophezeiung: nicht nur Cargo solle sich an Bord der Schiffe Manrens befinden, sondern auch Faktoreien, womit die Produktionsmittel sich direkt in den Händen der Eingeborenen befinden sollten. In dem Jahrzehnt vor dem Zweiten Weltkrieg tauchte etwa jedes Jahr ein neuer Konor auf, der stets von den Weißen unterdrückt wurde, was von immer größeren Gewalttätigkeiten begleitet wurde. Gleichzeitig wurden immer mehr christliche Elemente in die Kultformen eingewoben, wenn auch sehr unorthodoxe Elemente: Hauptsächlich die apokalyptischen Passagen, die der Kultdok­trin vom Weltuntergang entgegenkamen, wurden aufgegriffen, man verstand sich selbst als „wahre Erben11 der Leute des Alten Testaments, benannte seine Dörfer um nach biblischen Dörfern, um diese Parallele deutlich zu machen, und glaubte, dass Jesus Christus in Wahrheit ein Papua sei und die Weißen dies durch Herausreißen der ersten Seite der Bibel verheim­licht hätten. Die Bewegung wurde langsam zur Lawine. Gerüchte kamen auf, denen zufolge Mansren aus Holland über Deutschland oder Japan zurückkehren werde. Die Gesänge, die die Riten beglei­teten, wurden kriegerischer, immer mehr Menschen weigerten sich, Steuern zu zahlen, und vernichteten ihre Nahrung in baldiger Erwartung des Überflusses. Mittlerweile war es „weit weniger eine Religion als ein selbstbewusster kulturel­ler Papua-Nationalismus“. 1942, kurz vor der Ankunft der Japaner, wurde der Kult immer revolutionärer. Ein neuer Führer formierte geheime Truppen in jedem Dorf mit selbstgemachten Uniformen und Holz­gewehren, die sich bei Mansrens Ankunft in echte Gewehre verwandeln sollten. Zunächst unterstützten diese Truppen die Japaner, da von ihnen die Befreiung und Vorbereitung der Wiederkunft Mansrens erwartet wurde. Doch die erste Begeiste­rung verflog rasch: die Naturalsteuer, die die neuen Herren erhoben, Waren schlimmer als die Steuerlast während der holländischen Kolonialzeit. Die Kultanhänger zogen daraus die Konsequenz: die neue Lehre forderte die Befreiung von jeglicher Fremdherrschaft und wurde noch gewalttätiger durchgesetzt. Da die Papuas jedoch keine Waffen besaßen, kam es zu einem Massaker durch die Japaner. Nach und nach wurden die militanten Gruppen zerschlagen. 1944 kamen die Amerikaner auf die Insel, verteilten Essen und retteten die Eingeborenen so vor dem Hungertod. Sie hatten ja ihre Nahrung selbst vernichtet, und die Japaner hatten ein übriges getan. Die Amerikaner gaben auch Waffen aus, mit denen Jagd auf versteckte Japaner gemacht wurde. Der Cargo-Kult nahm nun an, dass die Amerikaner die Befreier seien, und die Anhänger glaubten, dass ihnen alles gehören würde, wenn die Amerikaner wieder gingen. Doch das Cargo kam nicht ihm zugute, auch das Millennium kam nicht, und der Glaube an Mansren, den Erlöser schwand. Worsley sieht diese Bewegung als Beispiel für die Entwicklung von magischen Techniken zu weltlich-politischen Aktionen.

Der Vailala-Wahn

Der Vailala-Wahn, das zweite Beispiel, tauchte das erste Mal 1919 entlang der Golf-Küste Papuas auf. Auslöser war ein alter Mann namens Erara, der nach Todesfällen in der Familie in Trance-Zustände fiel. Seine „automanischen Anfälle“ verbreiteten sich. Bald gingen breite Teile der Bevölke­rung seines Dorfes mit den Händen auf den Hüften umher, schwenkten Kopf und Rumpf und „schnatterten unentwegt“.

Hierbei sind drei Kategorien von „Automanics“ zu unter­scheiden: die unfreiwillig Hingerissenen, Simulanten und willkürlich Herbeiführende. Die letzteren waren meist die Anführer der Bewegung, was aber nicht unbedingt heißt, dass sie Betrüger waren.

Evara verkündete nach seinen Anfällen, dass Schiffe mit den Ahnengeistern und Cargo ankommen werden und alles Cargo, Mehl, Reis, Tabak und andere westlichen Güter, den Papuas gehören wird. Die Weißen müssen seiner Meinung nach dann vertrieben werden. Andere Führer waren allerdings auch der Ansicht, die Weißen seien bereits die Ahnen, was zu pein­lichen Situationen für manche Kolonialbeamte führte.

Die Folgen dieser Prophezeiung waren z.B., dass die Eingeborenen ihre Gartenarbeit und Handelsbeziehungen aufgaben und „im Sonntagsstaat“ auf das Cargo warteten. Der Kult nahm auch zum Teil puritanische Formen an: So wurden Verbrechen hart diszipliniert, und durch öffentliche Anklage und Beich­te wurde eine soziale Kontrolle ausgeübt.

Traditionelle Zeremonien und Schmuck wurden abgelegt und stattdessen europäische Kleider angezogen, in den Missions­schulen Lesen und Pidgin-Englisch gelernt. Gleichzeitig wurde in der Bewegung aber auch der Widerstand gegen die Weißen und die Regierung geschürt. Das ist allerdings nur scheinbar ein Widerspruch, es drückt vielmehr die herrschen­de Ambivalenz aus. Beiden Reaktionen ist der Wunsch gemein, „wie die Weißen zu sein, ein Wunsch, der in der Sicht der Eingeborenen die Verdrängung der Weißen implizierte.“

Die Magistrate waren beunruhigt wegen des Widerstandes und nahmen einige Führer fest. Die Bewegung flammte dennoch immer wieder auf, das endgültige Ende kam erst 1931. Im Anschluss bildeten sich jedoch viele Legenden, die trotz des Misserfolges und der Enttäuschung, denn schließlich waren die Prophezeiungen ja nicht eingetreten, die Kult-Vergangenheit verklärten:

„Er (Williams, Kolonialbeamter 1934) stellte zu seiner großen Überraschung fest, dass man keineswegs unerfüllten Verheißungen nachtrauerte, sondern fest davon überzeugt war, eine wunderbare Zeit erlebt zu haben, in der viele wunderreiche Dinge geschehen waren. Für die Vailala-Leute waren die meisten Prophezeiungen wirklich in Erfüllung gegangen. Für sie waren in der Retrospektive tatsächlich übernatürliche Dinge geschehen. Es war eine glückliche Zeit gewesen. Man hatte einen Vorgeschmack auf die Endzeit erhalten. Nun konnte man sicher sein, dass noch Großes bevorstand.“

Die Yali-Letub-Bewegung

Die Letub-Bewegung wurde erstmals 1939/40 aktiv. Zunächst war es ein sehr traditioneller Kult, der auf einem großen moosbewachsenen Felsen in einem Wasserlauf praktiziert wurde. In ihm vermischten sich der überlieferte Schöpfungs­mythos von zwei Brüdern und die biblische Geschichte von der Enterbung Harns, Noahs Sohn, um die Tatsache zu erklären, warum die Weißen das Cargo besaßen und die Schwarzen nicht.

Die Kult-Anhänger vernachlässigten den Gartenbau, schlachte­ten ihre Schweine und bemühten sich, Englisch zu lernen, um die Geheimnisse der Bibel kennen zu lernen. Für die Missionare hatte man nur Verachtung über, denn diese hätten den Einge­borenen „nur die Schale gegeben, nicht aber die Frucht“.

Zu dieser Zeit hatte ein Mann namens Yali großen Einfluss. Er war Hilfspolizist und kooperierte mit der Kolonialregie­rung. Mit den verbreiteten Cargo-Ideen wollte er zunächst nichts zu tun haben, sie waren ihm zu „modern“, Yali war eher dem alten Erbe verpflichtet.

Auf einer Reise nach Australien fühlte Yali angesichts der Ordnung und Sauberkeit der Weißen seine eigene Kultur als minderwertig. Wohl wusste er, dass auch die Weißen hart ar­beiteten für ihre Güter, Yali war aber auch davon überzeugt, dass den Weißen ihre Götter in Notzeiten zu Hilfe kämen, in­dem sie ihnen Hilfsflotten und Nachschubeinheiten schickten. Der Letub-Kult versuchte, Yalis Popularität für sich aus­zunutzen und erhob ihn vom Volkshelden zum Messias. Die Versuchung durch die Macht, die Yali dadurch bekam, und eine große Enttäuschung über das Christentum und die Weißen führte schließlich dazu, dass Yali 1946 selbst ein Cargo-Demagoge wurde. Besonderen Auftrieb bekam seine Abneigung gegen die Weißen, als er von der darwinistischen Abstammungs­lehre erfuhr: Die Weißen, die er für überlegen gehalten hatte, glaubten an eine Abstammung von Tieren, ebenso wie seine eigene alte totemistische Religion. Nun griff Yali die Missionare, die logen, und die Regierung, die die Hilfe verweigerten, scharf an und rief zum Widerstand auf. Die Letub-Bewegung unter seiner Führung verbannte alle ehedem enthaltenen christlichen Elemente und belebte die „Religion der Väter“ wieder neu.

Yali war ein guter Organisator und ein Charismatiker, dem es gelang, eine straffe überregionale Eingeborenenorganisa­tion zu schaffen, und von der Regierung Entwicklungshilfe­projekte wie Genossenschaften und cash-crop-Plantagen for­derte. Er erhob illegale Steuern zur Unterstützung der Organisation, verhaftete Ungläubige und drohte den Missiona­ren. Yali wurde zur wirklichen Bedrohung für Regierung und Mission, weshalb er 1950 verhaftet und zu 6 1/2 Jahren ­Gefängnis verurteilt wurde.

Nachdem er 1955 wieder frei kam, leistete er zwar weniger Öffentlichkeitsarbeit, er war aber bereits „zu einem inte­grierten Bestandteil der Cargo-Mythologie geworden“.

Worsley sieht hier die Entwicklung von einer politischen Aktion, nämlich dem konstitutionellen Widerstand des Yali, hin zu einem millenarischen Kult aus Enttäuschung von den geringen Möglichkeiten und der Unaufrichtigkeit der Weißen.

Grundtendenzen

Nach der statistischen Auswertung Steinbauers haben 64% aller Cargo-Kulte eine magisch-mechanistische Grundtendenz, die hauptsächlich auf materielle Heilserwartung ausgerichtet ist. Bei immerhin 36% beläuft es sich allerdings nicht nur auf diese Güterhoffnung, sondern darüber hinaus auf Hoffnung auf Werte, die zur Humanität des Lebens beitragen. Nach Worsley läuft eine „typische“ Entwicklung eines Cargo-Kultes wie folgt ab: Die Ankunft der ersten Europäer wird zu­nächst im Sinne überlieferter religiöser Glaubensvorstellun­gen von Totengeistern, Inkarnationen von Göttern etc. ausgelegt und dementsprechende Gütererwartungen damit verknüpft. Die Missionen, Händler, Kontraktwerber und Beamte kollidieren jedoch immer mehr mit der Eingeborenengesellschaft, so dass der Widerstand und die Feindseligkeiten zunehmen. Gleichzei­tig werden die Eingeborenen durch die Verlockungen der euro­päischen Güter und die Kontraktarbeit immer mehr in die europäische Wirtschaft verstrickt. Der Cargo-Mythos entwickelt sich, um die ungerechte Verteilung der Güter zu erklä­ren. Nachdem eine direkte Rebellion scheitert, wird mit mythischen Mitteln um das Cargo weitergekämpft, z.B. findet eine große Bekehrung zum Christentum statt. Wenn allerdings die Eingeborenen vom Missionschristentum enttäuscht werden, weil es sie nicht zum Ziel bringt, entstehen Cargo-Mythen mit christlichen Elementen, bis dann schließlich alte Ahnenvor­stellungen wiederbelebt werden, diesmal jedoch eine stärkere Verbreitung finden. Nach Worsley ist also der Kontakt mit den Europäern Auslöser für die Cargo-Kulte. Nach Steinbauer haben aber 17% aller untersuchten Kulte einen eigenständigen Ursprung im eigenen mythischen Kulturerbe. Anstöße durch eine Fremdkultur sind demzufolge nicht unbedingt notwendig, die Kultur ist schöpferisch genug, um kultische Neuerscheinungen ins Leben zu rufen. Anstöße aus der europäischen Zivilisation wirken allerdings oft kataklytisch und beschleunigend. Auch das von Worsley angenommene Gefalle von primitiv-magischen Anfängen zu sozial-revolutionären Endstadien stimmt nicht unbedingt in jedem Fall, es gibt auch Rück­entwicklungen, wie bei der Letub-Bewegung zu sehen war.

Führer

Die Führer der verschiedene Bewegungen waren meist ältere Männer, die Erfahrung, ein restauratives Interesse und die Fähigkeit mitbrachten, die Gefühle ihrer Gefolgsleute zu manipulieren. Oft stammten sie aus der sozialen Gruppe, die am meisten an Macht und Autorität durch das Christentum ver­loren hatten: die erblichen Priester.

Da Sekten oft die einzige Möglichkeit boten, sich geistig von den Herren abzugrenzen, wurden auch viele tatkräftige Männer mittleren Alters zu Propheten der Bewegungen.

Junge Männer standen bei einigen Kulten zwar im Vordergrund, sie boten ihnen auch die Möglichkeit zu sozialem Aufstieg und Machterwerb, im Hintergrund standen jedoch oft ältere Männer, die die Jungen berieten und förderten.

Frauen waren nur in 4K der Fälle Führerinnen. Das ist eng mit der Tatsache verknüpft, dass Frauen traditionell eine untergeordnete Rolle im religiösen und Sozialleben spielten. Wenn sie tatsächlich den Aufstieg zur religiösen Führerin schafften, proklamierten sie oft den totalen Bruch mit den alten Traditionen, die ihr Geschlecht beschränkten, wie die strikte Trennung von Männern und Frauen oder den Ausschluss der Frauen aus den männlichen Geheimriten.

Die Gruppenpsyche, also das allgemeine Empfinden, über­nahm ebenfalls oft die eigentliche Führerschaft. Der Vorteil war eine größere Unabhängigkeit von einzelnen Propheten, weshalb diese Bewegungen oft auch länger andauern konnten und größere Gruppen vereinigten. 

Ursachen

In 85% der untersuchten Cargo-Kulte ist das magische Denken des gesamten melanesischen Weltbildes mit Ahnenkult usw. die Ursache für die Bewegungen. Vor allem Imitationsma­gie von Originalgeschehen, z.B. das Nachahmen amerikanischer Soldatencamps, sollte die erwünschten Güter herbeischaffen. Alle Cargo-Kulte haben stark materialistische Züge, da materieller Reichtum im melanesischen Weltbild eine hohe Stellung einnimmt: „Die Materie ist integrierender, geach­teter und ersehnter Bestandteil eines heilen Lebens.“ In der traditionellen Mythologie finden sich viele eschatologische Züge, das Ende der Menschheit und der Welt taucht immer wieder auf, allerdings nicht in der teleologischen, also zweckbestimmten Art des christlichen Glaubens, sondern als Zyklus, wodurch es kein absolutes Ende wie durch das Jüngste Gericht gibt. Eine weitere Ursache ist die Phantasiebegabung und even­tuell auch „Krankheit“ einzelner Führer. Hierbei stellt sich allerdings die Frage, was denn überhaupt „krank“ oder „normal“ bedeutet. Vom mitteleuropäischen Wertesystem und der psychosomatischen Konstitution eines durchschnittlichen Europäers ausgehend gibt es in Melanesien viele Fälle von Wahnsinn und geistigen Störungen. Betrachtet man diese Fälle jedoch vom melanesischen Wertesystem aus, ist das meiste durchaus normal .

Auslöser

Die Bewegungen wurden von sehr verschiedenen Dingen tat­sächlich ausgelöst.

Der Zivilisationskontakt erschütterte das melanesische Denken schwer, zerstörte den mythisch orientierten Seins­zusammenhang und beraubte die Melanesier ihrer Autarkie und Autorität. Durch das entstehende Unterdrückungsgefühl und den Neid baute sich ein sozialer Überdruck auf, der in den Cargo-Kulten teilweise eine Entladung fand.

Aber auch selbständige Kulturmetamorphosen wirkten als Auslöser. Schon immer gab und gibt es in allen Kulturen eine eigenständige innere Erneuerung zu ihrem eigenen Erhalt, die keinen Anreiz von außen benötigten, so auch in Melanesien.

Bewusste Propaganda, z.B. durch Kontraktarbeiter, die in ihre Dörfer zurückkehrten, sorgte für weite Verbreitung von Kultgedanken. Fielen die Informationen auf „fruchtbaren“ Boden, konnte sich der spezielle Kult fortsetzen.

1/3 aller Kulte wurden durch visionäre Erlebnisse und ekstatische Erscheinungen ausgelöst, die jedoch vor dem mythischen Hintergrund gesehen werden müssen.

Drogeneinfluss spielt offiziell nur eine geringe Rolle unter den Auslösern, tatsächlich ist er aber weitaus höher einzuschätzen, denn das Kawa-Getränk, wilder Ingwer und Zimt und vor allem Bethel-Nüsse mit mehr oder weniger großer hallozinogener Wirkung sind wesentliche Bestandteile des melanesischen Lebens.

Auch das Christentum spielte eine gewisse Rolle, vor allem wenn die missionarische Verkündigung missverstanden wurde. Unwertgefühl und Selbstmissachtung waren oft die Folge, die durch ein Rückwenden auf die traditionellen Religionen kompensiert werden sollte.

Mittel

Die Cargo-Kulte bedienten sich drei verschiedener Mittel: dem magischen Komplex, die primär geistigen Äußerungen und politisch-soziale Programme.

Der magische Komplex umfasste die Preisgabe des alten Kul­turerbes (also bestimmter Gegenstände, Tabus, Sitten, aber auch traditioneller Tiere), die Imitation neuer Formen (so­wohl der europäischen Techniken und Bauweisen als auch der wirtschaftlichen Produktion) und psychosomatische Erregungs­akte (wie Panikstimmung, Sexualisierung, Massenpsychosen, Zungenreden, Ekstase etc., die medizinisch schwer deutbar sind).

Primär geistige Äußerungen sind die okkulten Kontaktauf­nahmen zu den Ahnen im Totenreich als Produktionsquelle aller begehrten Dinge.

Politische und soziale Programme beinhalten oft die Ver­einigung verschiedener Völker in einem Gebiet, eine straffe Organisation der Anhängergruppe, die Ablehnung des kolonialen Steuersystems, oft auch ein späteres oder paralleles inner­konstitutionelles Engagement .

Ziele

Hauptsächliches Ziel der Cargo-Kulte war ein materieller Gütersegen, was verständlich wird angesichts der ungleichen Verteilung von technischem und materiellem Reichtum im kolonialen Melanesien.

Aber auch die Befreiung von Not und Angst, von Bedrückung und Hunger, Krankheit und Tod drückte sich oft in den Kulten aus, ein friedliches Leben ohne Kampf und Gewalt erschien den Kultanhängern überaus wichtig.

Desweiteren zielten die Kulte mit dem Wunsch nach weißen Hautfarbe auch auf eine Anerkennung, eine Ebenbürtigkeit in der Welt ab, evtl. sogar auf Überlegenheit über die Fremd­herren .

Ergebnisse

Zwar waren die Resultate letztlich überwiegend negativ, jedoch nur in 10% aller Fälle wirklich misslich, wenn nämlich die Anhängergruppe eines Kultes in Depression verfiel, total verarmte oder die Aggression zwischen ihr und der Regierung zunahm.

Die größten positiven Folgen der Cargo-Kulte liegen in der Festigung der Gesellschaft und der Ausbildung politischer Parteien für größere Mitbestimmung in der Kolonial- und später der selbständigen Regierung.

Auf alle Fälle haben die Cargo-Kulte Raum geschaffen für eine größere Freiheit und für eine Selbstfindung:

„Die Menschen haben auf der Brücke zwischen zwei verschiedenen Welten Erfahrungen gesammelt und sind dadurch trotz Verlust reicher geworden.“

Birgit Köhler

Journalistin
Historikerin
Lyrikerin
aus Bremen