Das Rote Wien 1918-1934

Vorwort

Wien, die Operettenmetropole

Ende des Ersten Weltkrieges – Ende der Donaumonarchie in Wien

Otto Bauers Austromarxismus

Das Rote Wien

Kommunale Aufgaben

Vorwort

Wien: Jahrhundertlang Residenzstadt der Donaumonarchie und im 19. Jahrhundert Symbol für die reaktionären Kräfte Europas. In den 20er Jahren dieses Jahrhunderts erlebte die Stadt ein außerordentliches Zwischenspiel: Die Sozialdemokratie kam an die Macht der Wiener Kommunalregierung und konnte erstmals auf demokratischem Weg ihre Vorstellungen von einer Sozialpolitik verwirklichen. Dieses Intermezzo währte aber nur kurz. Zu groß waren die inneren Widersprüche, zu groß aber auch die Kluft zwischen dem progressiven Wien und der österreichischen Republik, in der die konservativ-faschistischen Kräfte zunehmend an Macht gewannen. Das Rote Wien konnte die österreichische Kultur zeitlich und räumlich nur sehr begrenzt beeinflussen. Und trotzdem lebt es noch heute fort – unter anderem in den neo-austromarxistischen Theorien, die einen dritten Weg zwischen Sozialdemokratie und Marxismus suchten und in vielen Politikern, die bereits  in der ersten Republik aktiv waren und im Nachkriegsösterreich die zweite Republik  auch sozialistisch prägten. Und nicht zuletzt lebt es fort in den Gebäuden, die in den 20er Jahren zur Lösung der akuten Wohnungsnot und zur Manifestation der Stärke der Arbeiterklasse erbaut wurden. Dieses Referat will die Situation in Wien nach dem Ende der Donaumonarchie beschreiben, die kommunalen Aufgaben, vor denen die sozialdemokratische Stadtregierung standen, und ihre Lösungsansätze. Aber auch einige Gründe für das Scheitern des austromarxistischen Experiments werden genannt. Nebenbei soll auch die Frage erörtert werden, ob das Rote Wien eine „Metropole“ Österreichs war und in welchem Maße es die österreichische Nationalkultur beeinflusste.

Wien, die Operettenmetropole

Seit 1683 war Wien Residenzstadt der habsburgischen Donaumonarchie. Nach eineinhalb Jahrhunderten der Türkenbedrohung stieg die heitere Barockstadt damit zu europäischer Geltung auf. Durch die Lage der Stadt in der Mitte des riesigen Reiches wurde Wien Verwaltungshauptstadt.  Und ihre Lage nahe der Donau ermöglichte den Handel mit Ungarn und den Balkanländern, die sowohl Warenlieferanten als auch Absatzmarkt für österreichische Produkte waren. Alte Landhandelswege führten außerdem von Venedig über Wien in den Norden. Doch diesen Handel trieben hauptsächlich oberitalienische und deutsche Kaufleute. Und österreichische hohe Beamte bemühten sich lieber, möglichst schnell in den Amtsadel aufzusteigen. Dadurch fehlte bis ins 18. Jahrhundert in Wien eine größere bürgerliche Gesellschaftsschicht. Die städtische Kultur wurde daher von der sozialen Oberschicht geprägt, die sich wesentlich von den ländlichen Kultur außerhalb Wiens unterschied. Sie entsprach dem Absolutismus, war also auf Repräsentation angelegt – prunkvolle Theater und Sommerpaläste wie Belvedere und Schönbrunn beweisen das noch heute. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts bildete sich langsam eine bürgerliche Schicht aus, die vor allem im wirtschaftlichen Bereich tätig wurde: Um 1790 gab es in Wien und direkter Umgebung fast 300 Manufakturen, die von bürgerlichen Unternehmern aufgebaut worden waren. Doch der großgrundbesitzende Adel, der aufgeblähte Staatsapparat und die restriktive Politik des Staates wünschten vorwiegend Kleinbetriebe und verhinderte noch lange eine wirtschaftliche Blüte. 1804 begründete König Franz II. das österreichische Kaisertum. Damit war Wien nicht mehr die Hauptstadt des römisch-deutschen Reiches, sondern österreichische Kaiserstadt, die sich zunehmend dem Südosten der Doppelmonarchie zuwandte. Obwohl die Napoleonischen Kriege schwere wirtschaftliche Folgen für die Region hatten, wurde die Stadt mit dem Wiener Kongress und seinem Prunk weltberühmt. Die Kluft zwischen Hauptstadt und Umland vergrößerte sich: Die Kosten für die diplomatischen Festlichkeiten mussten von den unbeteiligten Gesellschaftsschichten getragen werden. Und das Ergebnis des Kongresses, nämlich die Restauration, die Wiederherstellung der vor-napoleonischen Zustände, schuf zahlreiche Härten für liberal denkende Bürger in ganz Europa. Erst nach 1830 hatte sich Wien von wirtschaftlichen Kriegsfolgen erholt, die Industrialisierung konnte beginnen. Vor allem Textil- und Luxuswaren, Baustoffe, Lebensmittel und Chemie wurden produziert. Damit einher ging eine Landflucht des ländlichen Proletariats, die Wiener Bevölkerung verdoppelte sich fast in weniger als 50 Jahren auf 430 000 Menschen (1848). Das innenpolitische Regime des Fürsten von Metternich, das die Veränderung der bestehenden Verhältnisse gewaltsam unterdrückte, erregte Widerstand, sowohl in Wien als auch in Deutschland und Frankreich. Am 13. März 1848 begann in Wien die Märzrevolution, die anfangs einige Erfolge zu verbuchen hatte. Doch als der österreichische Kriegsminister erschossen wurde, griff das Kaiserhaus unter dem jungen Kaiser Franz Josef I. ins Geschehen ein und ließ die Revolution am 31. Oktober 1848 blutig beenden. Nachdem auch die Revolution in Ungarn mit Hilfe der russischen Armee niedergeworfen war, kehrte Franz Josef I. zum zentralistischen Absolutismus zurück. Bis zu seinem Tod im Jahr 1916 wurde der Kaiser mehr und mehr zum äußeren Symbol für den Zusammenhalt Österreich-Ungarns. Seine Person war die Integrationsfigur für den Vielvölkerstaat. In den 1860er und 70er Jahren, den Gründerjahren, entstanden zahlreiche große Bauprojekte, die hauptsächlich von der städtischen Oberschicht finanziert wurden: die erste Hochquellwasserleitung, die die hygienische Wasserversorgung der Stadt verbesserte, die Regulierung des Donaubettes, die die regelmäßigen Überschwemmungen unterband, und die Ringstraße um die innerste Stadt herum. Seine prunkvoll gestalteten Großbürgers- und Adelshäuser symbolisierten den wachsenden Reichtum der Oberschicht Wiens. Zum innerstädtischen Ausbau kam bis 1905 die Eingemeindung der meisten Wiener Vororte. Insgesamt 21 Distrikte entstanden, die Fläche der Stadt wuchs von 55 auf 273 Quadratkilometer. Bereits 1890 war die Bevölkerung auf 1,36 Millionen angewachsen. 1905 betrug sie 1,88 Millionen Einwohner, während im gesamten österreich-ungarischen Reich 52 Millionen Menschen lebten. Der innerste Bezirk Wiens war adelig geprägt, während in dem Ring darum herum die Großbürger wohnten. Wiederum einen Ring weiter überwog das kleinbürgerliche Gewerbe, in den äußeren Bezirken war die Industrie (vor allem Metall- und Baubranche) angesiedelt. 1913 gab es in Wien nur 16 größere, mehr als 1000 Arbeiter beschäftigende Fabriken. Wegen fehlender öffentlicher Transportmittel entstanden die Arbeiterviertel rund um die Fabriken. Dort lebten die Arbeiter in engen, schlecht ausgestatteten und teuren „Zinskasernen“. In diesen Vierteln, wie Favoriten, fand die 1889 gegründete Sozialdemokratische Arbeiterparte Österreichs (SDAP) die Mehrheit ihre Anhänger. Gemeinsam stritten sie für den Acht-Stunden-Tag und das allgemeine Wahlrecht. Ebenfalls um das Wahlrecht kämpfte die Christlichsoziale Partei, die ihre Anhänger unter den unzufriedenen Kleinbürgern hatte. Von 1897 bis 1910 regierte der christlichsoziale Bürgermeister Karl Lueger in Wien. Er kommunalisierte die Gas- und Strombetriebe und baute öffentliche Verkehrsmittel und Wohlfahrtseinrichtungen aus, um das wachsende Elend der unteren Bevölkerungsschichten zu lindern. Seine Steuerpolitik ging allerdings zu Lasten der sozial Schwachen. Trotzdem war mit diesem „Gas- und Wassersozialismus“ ein Grundstein gelegt, auf den die Sozialdemokraten in den zwanziger Jahren aufbauen konnten. Die Wahlrechtsreform von 1907 brachte das allgemeine und gleiche Wahlrecht im österreichischen Staat. Für die Wiener Gemeinderegierung galt aber bis 1918 das Klassenwahlrecht, das der zahlenmäßig geringeren Oberschicht mehr Mandate zugestand als der größeren Unterschicht. So ist es zu erklären, dass die Sozialdemokraten in den Reichstagswahlen die stärkste Partei in Wien waren, aber im Gemeinderat nur sieben von 165 Mandaten erreichten. Das sollte sich allerdings 1918 für einige Jahre ändern. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Wien des 19. Jahrhunderts in der Donaumonarchie in kultureller Hinsicht eine herausragende  Stellung einnahm. Die prachtvolle Architektur der Ringstraße, die feinen Künste, die vom Adel und reichen bürgerlichen Mäzenen unterstützt wurden, hatten europäischen Rang. Künstler kamen nach Wien, um sich hier einen Namen zu machen. Dies hatte aber kaum Einfluss auf das österreichische Land. Die Bezeichnung „Operettenmetropole“ und „Walzerhauptstadt“ drücken diesen Zustand gut aus. Umgekehrt war auch der Einfluss des Reiches auf die Hauptstadt minimal: Der Vielvölkerstaat zeigte sich im „Zigeunerbaron“, aber das Volkstheater, die Bauernschwänke, gerieten zusehends außer Mode. Das ländliche Proletariat gab seine Kultur unter der Industrialisierung weitgehend auf und urbanisierte schnell. Die Trennung zwischen Stadt und Land wurde immer größer, immer weniger gegenseitige Beeinflussung fand statt. Die Identifikationsfigur des großen Donaureiches war, wenn überhaupt, der Kaiser, nicht aber dessen Hauptstadt Wien. Vor diesem Hintergrund ist die Bezeichnung Wiens als Metropole der Donaumonarchie fraglich.

Ende des Ersten Weltkrieges – Ende der Donaumonarchie in Wien

Während des Ersten Weltkrieges ergossen sich Flüchtlingsströme vor allem aus dem russisch besetzten Galizien nach Wien. Schließlich lebten 2,24 Millionen Menschen in der Hauptstadt, die Versorgung wurde extrem schwierig. Die Wiener Fabriken produzierten für den Krieg, die Landwirtschaft der Umgebung konnte wegen Arbeitskräftemangel kaum bestellt werden, und nachdem 1916 Kaiser Franz Josef I. gestorben war, mehrten sich Friedens- und Hungerdemonstrationen in Wien. Im Herbst 1918 brach schließlich die Front zusammen. Die slawischen Völker der Donaumonarchie bildeten eigene Staaten, Ungarn trennte sich von Österreich. Massenproteste in Wien und in den österreichischen Industriegebieten zwangen Kaiser Karl am 11.11.1918 zum Verzicht auf die Staatsgeschäfte. Entgegen vieler Darstellungen trat der Kaiser aber nicht zurück. Er akzeptierte auch zeit seines Lebens nicht die Verfassung der österreichischen ersten Republik. Am 12.11. proklamierte eine provisorische Nationalversammlung die Republik Deutschösterreich. Zunächst allerdings gab es wenig Enthusiasmus für die Republik. Die Christsozialen und die konservativen Großdeutsch-Nationalen wollten die Monarchie, die SDAP zögerte noch. Alle Parteien waren sich einig, dass ein Rumpfstaat, wie es Österreich nach dem Zerbrechen des Vielvölkerstaates war, keine echte Überlebenschance hätte. Besser sei es, es werde an Deutschland angegliedert. Der Artikel 2 der Proklamation bezeichnet denn auch die Republik Deutschösterreich ausdrücklich als Bestandteil der deutschen Weimarer Republik. Doch die Verträge von Versailles und St. Germain gestatteten dies nicht. Im November 1919 wurde der zweite Artikel annulliert und der Name der Republik in Republik Österreich geändert. Die Sozialdemokraten akzeptierten das Vorkriegsparlament. Sie bildeten zusammen mit den Christlichsozialen und den Großdeutschen eine provisorische Regierung unter dem Sozialdemokraten Dr. Karl Renner. Als sich zwischen November 1918 und April 1919 in Bayern, Ungarn und einigen deutschen Städten Räterepubliken bildeten, befürchteten die bürgerlichen Kreise Österreichs Ähnliches für Wien. Die am 15. März 1919 von der Nationalversammlung gewählte Koalitionsregierung von SDAP und Christlichsozialen war nämlich noch kaum Herr im eigenen Haus. Die Arbeiter- und Soldatenräte und die kommunistischen Roten  Garden versuchten immer wieder, mit Anschlägen und putschartigen Aufständen die Macht an sich zu bringen. Doch die Wiener Arbeiter- und Soldatenräte waren sozialdemokratisch dominiert. Dadurch kam es in Wien nicht zu einer Räterevolution. Die Arbeiter- und Soldatenräte entwickelten sich stattdessen weiter zur Arbeiterwehr (1922), die ein Jahr später zum Republikanischen Schutzbund umgestaltet wurde. Diese bewaffnete Unterorganisation der SDAP wurde als außerparlamentarisches Druckmittel eingesetzt, um die junge Demokratie gegen Angriffe von rechts zu schützen. In diesen unruhigen Zeiten hätten die Sozialdemokraten ihre revolutionären Umwälzungen durchführen können, zum Beispiel die Sozialisierung der Wiener Schlüsselindustrien. Doch die SDAP wollte keine Revolution. Sie befürchtete den Einmarsch der Entente-Mächte und Hungerkatastrophen bei einem Sieg der „Bolschewisten“. Stattdessen wollte die SDAP „auf dem demokratischen Weg zum Sozialismus“, indem sie ihre Machtpositionen innerhalb des bürgerlich-parlamentarischen Staates ausbauten. Dahinter stand die ausgefeilte Theorie des Austromarxismus.

Otto Bauers Austromarxismus

Um 1904 traf sich eine Gruppe jüngerer Akademiker und Studenten aus unterschiedlichen Fachbereichen. Sie setzten sich als Sozialdemokraten oder Marxisten mit modernen philosophischen Strömungen auseinander und versuchten, die Marxsche Theorie auf das alte, von Nationalitätenkonflikten erschütterten Österreich zu übertragen. Zu dieser Gruppe gehörten auch Otto Bauer, der spätere Wortführer des Austromarxismus, der Soziologe Max Adler und der Jurist Karl Renner (1919/1920 erster Staatskanzler der ersten Republik, 1945-50 erster Bundespräsident der zweiten Republik). Die Gruppe versuchte, einen dritten Weg für die SDAP zu finden, zwischen der Zweiten Internationale, die sozialdemokratisch geprägt war, und der Dritten Internationale, der kommunistischen. Tatsächlich entstand 1921 die „Internationale 2 1/2“, die danach 1923 als linker Flügel in der Zweiten Internationale aufging. Die Austromarxisten entwickelten kein dogmatisches Glaubensbekenntnis, sondern eine neue Gesellschaftstheorie. Diese Theorie war ihrer Meinung nach notwendig geworden, weil die Sozialisten in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften stets in einem Dilemma steckten: Eine Revolution im Marxschen Sinne war nicht möglich, der sozialdemokratische Reformismus-Weg war aber zu ermüdend und endete statt im Sieg des Sozialismus in Resignation und Integration. Ihre Strategie formulierte Otto Bauer als „Nicht die Köpfe einschlagen, die Köpfe gewinnen!“ In anderen Ländern sei der Sieg des Sozialismus nur mit Gewalt möglich, in Österreich sollte die Arbeiterpartei friedlich durch die Demokratie an die macht kommen. Erst dann sollte die soziale Revolution“ mithilfe staatlicher Sozialisierungen durchgesetzt werden. Zur Umstrukturierung des Staates gab es keine ausführlichen Pläne. Doch seine Bürger, vor allem die Arbeiter und Kleinbürger sollten langsam durch sozialistische Bewusstseinsbildung verändert werden. Eine große und einzigartige Chance, den Austromarxismus umzusetzen, ergab sich in Wien ab 1919

Das Rote Wien

1861 hatte Wien vom Kaiser die kommunale Selbstverwaltung erhalten. Seitdem gab es in der Stadtverwaltung durch das Zensuswahlrecht eine deutliche liberale Mehrheit, die sich nach der großbürgerlichen Wählerbasis richtet. Jede kommunale Sozialpolitik wurde abgelehnt. Das führte 1895 zum Sieg der Christlichsozialen, die die unzufriedenen kleinbürgerlichen Massen vertraten. Unter Karl Lueger wurden die bereits oben beschriebenen Kommunalisierungen durchgeführt. 1896 trat die SDAP erstmals bei den Wiener Kommunalwahlen an, doch das Klassenwahlrecht verhinderte eine starke, dem Mitgliederstand entsprechenden sozialdemokratische Vertretung im Gemeinderat.

Im Herbst 1918 wurde das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen in der Gemeinde Wien eingeführt. Am 4. Mai 1919 gab es die ersten demokratischen Gemeindewahlen. Bei einer geringen Wahlbeteiligung (60,7%) errangen die Sozialdemokraten eine deutliche Mehrheit: 54,2% oder 100 von 165 Mandaten. Die Christlichsozialen erhielten nur 27,1 % der Stimmen. Damit war Wien nach 25 Jahren christlichsozialer Gemeindeverwaltung die erste Millionenstadt unter sozialdemokratischer Regierung mit Jakob Reumann als Bürgermeister. In der österreichischen Republik konnte sich die SDAP als Koalitionspartner der Christlichsozialen bis 1920 halten, danach befand sie sich bis zum Ende der ersten Republik in der Opposition.

Doch die sozialdemokratischen Ratsherren standen vor einer prekären Situation: Die Millionenstadt Wien (1,8 Millionen Einwohner) befand sich plötzlich am Rande des neuen Kleinstaates, das „Hinterland“ des Wirtschaftsgebietes war verloren. Rohstofflieferanten aus Böhmen waren ebenso verloren wie der adlige Luxuskonsum und die habsburgische Bürokratie. Die Versorgungslage der Stadt war katastrophal. Dazu kam die kriegsbedingte Inflation, die sich zur chronischen Finanzkrise auswuchs. 1922 half ein Völkerbundkredit aus der angespannten Lage. Am 24. Dezember 1924 löste die Schilling-Währung die alten Kronen ab und sorgte für eine kurzzeitige Stabilisierung der Wirtschaft – allerdings auf Kosten der Lohnabhängigen. In Wien waren die Folgen stets besonders deutlich zu spüren.

Österreichs Bevölkerung hatte nur wenig Sympathie für Wien. Es galt ihnen als missliebiger Wasserkopf eines Rumpfstaates: Ein Drittel aller Österreicher lebte in Wien, das Umland lieferte aber nur zögernd Lebensmittel an die Stadt, da die Wiener Fabriken wegen Kohlenmangel schließen mussten und nichts im Gegenzug liefern konnten. Außerdem hegten besonders die konservativen Niederösterreicher, in deren Gebiet die Großstadt lag, eine große Skepsis gegenüber dem „roten“ Gemeinderat in Wien.

Tausende von entlassenen Soldaten und Flüchtlinge aus den ehemaligen Monarchieländern hielten sich in Wien auf. Sie hausten in Notbaracken, Kellern und überfüllten Mietswohnungen. In den kleinen, düsteren „Bassenawohnungen“ in schlechter Qualität, wo fließend Wasser auf den Fluren und Gemeinschaftsbäder für die gesamte Etage üblich waren, breiteten sich Krankheiten unter der Bevölkerung schnell aus. Tuberkulose war schon seit langem als „Wiener Krankheit“ bekannt, dazu kamen im Winter 1918/19 die „spanische Grippe“ und Syphilis, die viele Todesopfer forderten. Zudem war die Arbeitslosenquote sehr hoch: Sowohl Industriearbeiter aus den stillgelegten Fabriken als auch Beamte aus dem ehemaligen habsburgischen Staatsapparat suchten Arbeit in Wien.

Besonders katastrophal war die Wohnungsnot: Schon vor dem Krieg gab es kaum freie Wohnungen. Während des Krieges kam der private Wohnungsbau, aber auch die Instandhaltung bestehender Wohnungen, praktisch zum Stillstand. Nach dem ersten Weltkrieg wurden noch mehr Wohnungen benötigt, obwohl die reale Einwohnerzahl etwas zurückging. Das hatte mehrere Gründe: Immigranten aus den ehemaligen Reichsgebieten kamen familienweise, während Auswanderer zum Beispiel in die USA meist allein gingen. Die Hochzeitsrate stieg vor allem in den ersten Nachkriegsjahren um 50 bis 90%. Die vor dem und während des Krieges üblichen Untermieter und Bettgeher. die selbst in den kleinsten Arbeiterwohnungen zu finden waren, lohnten nicht mehr, nachdem 1917 noch vom Kaiser das Mieterschutzgesetz erlassen wurde. Danach wurden die Mieten auf den Vorkriegsstand eingefroren und ein strikter Kündigungsschutz eingeführt. Dieses Gesetz war nach dem Volkskundler Gottfried Pirhofer eine „volkswirtschaftliche Rationalisierung, eine Umverteilung der Profite der Rentiers auf die Kriegswirtschaft, die trotz gestiegener Lebensmittelpreise und allgemeiner Inflation bei möglichst niedrigen Löhnen funktionieren musste.“ Außerdem musste die Monarchie Proteste von heimkehrenden Soldaten wegen der inflationsbedingt gestiegenen Mieten befürchten. Robert Danneberg, einer der Väter der sozialdemokratischer Wohnungspolitik, charakterisierte 1921 diese Situation wie folgt:

„Die Hausherren wären die ärgsten Kriegsgewinner gewesen, wenn nicht ein staatliches Machtwort ihrem Treiben Einhalt geboten hätte. Dass der Krieger da draußen im Felde für das Vaterland seine geraden Glieder oder gar das Leben einbüsst, und indessen daheim sein Weib und seine Kinder vom Hausbesitzer auf die Straße gesetzt werde, wäre vor allem vom Standpunkt der Kriegsführung aus unerträglich gewesen. Die Mieterschutzverordnung, welche die Bevölkerung vor willkürlicher Kündigung und Zinssteigerung schützt, war eine Selbstverständlichkeit.“

Was den Hauptmietern zum Vorteil gereichte, wurde den Untermietern und Bettgehern zum Nachteil: Eine Arbeiterfamilie musste niemanden mehr aufnehmen, um die Miete aufzubringen. Vor allem alleinstehende junge Männer und Frauen waren von diesem Gesetz betroffen und suchten Wohnungen.

Kommunale Aufgaben

Der sozialdemokratische Gemeinderat hatte also schwerwiegende Probleme zu lösen. Und entgegen aller  Vorurteile bewies er, dass Sozialdemokraten nicht nur diskutieren, sondern auch handeln konnten. Voraussetzung für eine aktive eigenständige Politik der Gemeinde Wien war jedoch die Ablösung der Stadt vom umgebenden Niederösterreich. Niederösterreich, das eine sozialdemokratische Mehrheit im gemeinsamen Landtag befürchtete, war mit diesem Schritt durchaus einverstanden. So wurde Wien, ab 1920 wieder Bundeshauptstadt und Sitz der obersten Organe des Bundes, ab dem 1. Januar 1922 selbstständiges Bundesland mit Finanzhoheit und gesetzgebender Kompetenz.

Als erste Maßnahme der Sozialdemokraten musste die Lebensmittelversorgung der Stadt sichergestellt werden. Dies gelang nach nur einigen Monaten mit Hilfe der weitvernetzten sozialdemokratischen Konsum-Vereine, die bereits im Krieg gegründet worden waren. Außerdem musste die Lebenssituation der Arbeiter durch eine aktive städtische Sozial- und Gesundheitspolitik verbessert werden. Gas, Strom und Müllabfuhr, seit Ende des 19. Jahrhunderts bereits von kommunalen Betrieben besorgt, gab es für alle Wiener sehr günstig. 35 Liter Wasser pro Kopf und Tag waren sogar kostenlos. Ebenfalls kostenlos bekam jeder Säugling ein Wäschepaket, damit „kein sozialdemokratisches Baby mehr in Zeitungspapier gewickelt werden muss“, so die damalige Werbung. Kindergärten und Horte wurden eingerichtet, um den Müttern die Berufstätigkeit zu erleichtern und die Kinder und Jugendlichen nicht auf der Straße verwahrlosen zu lassen. Julius Tandler, der das Fürsorgeamt betreute, hatte die gesamtgesellschaftliche Dimension verstanden: 

„Was wir für die Jugendhorte ausgeben, werden wir an Gefängnissen ersparen. Was wir für Schwangeren- und Säuglingsfürsorge verwenden, ersparen wir an Anstalten für Geisteskranke.“

Medizinische Betreuung und Pflege von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter war kostenlos. Vorsorgemaßnahmen wie Beratungen, Kuren, Landverschickungen in Ferienkolonien, öffentliche Bäder und Sporteinrichtungen rundeten das Angebot ab.

Die Ausgaben für Fürsorge und Gesundheit nahmen je 20 Prozent des Stadtverwaltungsbudgets ein. Damit waren die Sozialausgaben etwa dreimal so hoch wie vor dem Krieg. Die Erfolge wurden allerdings schnell sichtbar: Die Säuglingssterblichkeit sank bald weit unter den österreichischen Durchschnitt, Tuberkulose konnte um 50 Prozent reduziert werden.

Nur sieben Tage nach der Proklamation der Republik wurde der Acht-Stunden-Tag gesetzlich festgeschrieben. Ein städtisches Arbeitsamt kümmerte sich in Wien um die Arbeitslosen, und die provisorische staatliche Arbeitslosenunterstützung wurde von einer ständigen Arbeitslosenversicherung abgelöst.

Ein weiterer wichtiger Bereich war die Bildungs- und Kulturarbeit. Das Erziehungssystem der Monarchie war zur Drill-Instanz verkommen. Bildung war allerdings Bundesangelegenheit. So hatte die Gemeinde Wien nur eingeschränkte Kompetenzen, zumal die SDAP seit 1920 im Bundesparlament in der Opposition war. Trotzdem startete Wien Versuche zur Schulreform: Statt der einengenden Lernschule wurde eine „freie und frohe Arbeitsschule“ geschaffen, eine Art Gesamtschule für zehn- bis 14-jährige Kinder. Der Schulbesuch war kostenlos, Lerninhalte sollten von den Schülern demokratisch mitbestimmt werden, Dialekte wurden in den Unterricht einbezogen. Stipendien für arme Kinder und Studierende brachen das Bildungsmonopol der bürgerlichen Schichten auf. Die Stadt musste zwar einige Kompromisse eingehen, doch in der Frage des Religionsunterrichts blieben die Sozialdemokraten hart: Staat und Kirche mussten strikt getrennt werden.

In Volkshochschulen, Arbeiterbibliotheken, Betriebsschulungen und kulturelle Veranstaltungen wurde ein besonderes Augenmerk auf die Erwachsenenbildung gelenkt. Neben der Vertiefung der Elementarbildung sollten auch, wie es Barbara Schleicher und Helmut P. Fielhauer formulierten, „praktische Alltagserfahrungen aus dem Produktionsbereich in theoretische Erkenntnisse über komplexe kapitalistische Zusammenhänge und Klassengegensätze“ umgeformt werden . Um diesen kulturellen Bereich kümmerte sich vor allem die Partei. Die Gemeindeverwaltung beschränkte sich auf den Bereich der Fürsorge und der Wohnraumpolitik – auch aus finanziellen Gründen.

Kinder und Erwachsene sollten zur Demokratie und damit, nach der austromarxistischen Theorie, zum Sozialismus erzogen werden. Das Ziel war die Schaffung des „neuen Menschen“, der fähig sein sollte, den Sozialismus zu verwirklichen. Diese Vision vom „neuen Menschen“  sollte nach Max Adler das Endprodukt eines Prozesses der „Humanisierung und Kultivierung, ja sogar der Moralisierung der Gesellschaft selbst“ sein.

Die durch den Acht-Stunden-Tag geschaffene Freizeit wurde ebenfalls von den Sozialdemokraten geformt. Vor allem in Wien mit der größten Bevölkerungsdichte und dem größten Arbeiteranteil Österreichs wurde das dichte kulturelle Netz der Arbeiterbewegung, dass bereits vor dem Weltkrieg entstanden war, weiter ausgebaut: Am Ende der Republik gab es allein in Wien etwa 50 verschiedene Vereine für alle Interessen. Sozialistische Freidenker, Briefmarkensammler, Esperanto- oder Film- und Fotobegeisterte fanden ebenso ihren verein wie sozialistische Kleingärtner, Kleintierzüchter, Jäger und Wanderer. Alle Sportarten stählten „den Körper für den Kampf der Arbeiterbewegung“ und waren ebenfalls in Vereinen vertreten. Allerdings sollte im sozialistischen Sport das Gemeinschaftsgefühl statt des bürgerlichen Individualkampfes betont werden. Für die zeitgemäße und ganz und gar unkatholische Verbrennung nach dem Tode gab es den Krematoriumsverein „Die Flamme“, der 1932 167.000 Mitglieder zählte.

Alle Vereine verbanden stets ihre Bildungsarbeit mit geselligem Beiprogramm. Das gesamte private Leben der Parteimitglieder sollte auf diese Weise sozialistisch gestaltet werden. Der Volkskundler Helmut Konrad formulierte das Ziel wie folgt:

„Im Mittelpunkt der Bildungs- und Kulturarbeit der Arbeiterbewegung stand das Bemühen, ‚neue Menschen‘ zu formen, eine glücklichere, freiere, partnerschaftlichere neue Generation heranzubilden, jenseits bürgerlicher Doppelmoral und kleinbürgerlicher Zwänge, jenseits dörflich-katholischer Enge und städtisch-neureicher Scheinfreiheit. Von der Wiege bis zur Bahre, vom Wäschepaket für den Säugling bis zur Einäscherung, sollte eine umfassende Alternative zum geltenden Werte- und Normensystem entwickelt werden.“

Inwieweit dieses Ziel tatsächlich verwirklicht wurde und werden konnte, ist fraglich. Zwar waren sehr viele Menschen Vereinsmitglieder, aber sie schienen nur wenig von der austromarxistischen Theorie beeinflusst zu werden. Bei einer soziologischen Umfrage unter 1320 Wiener Industriearbeiterinnen im Jahr 1932 stellte sich heraus, dass die Frauen, soweit sie überhaupt Zeit hatten, gern an den kulturellen Veranstaltungen teilnahmen. Ihre Einstellungen und Meinungen waren aber noch stark von ihrer Jugend unter der Monarchie beeinflusst. Rudolf Wagner, zeitgenössischer Kritik der Arbeiterbewegung, wähnte 1926 

„die proletarische Masse durchschichtet mit Kulturmoder wie der ganz große Schutthaufen dieser kapitalistischen Unkultur. In den Abfällen kleinbürgerlicher und feudaler Kultur aufwachsend, in den Tandelmarkt alten Wohnkrams, vielfach noch samt den Erziehungsbildern von heiligen und sonstigen hohen Herren, in dem ewigen Hunger nach dem Auchsoleben wie die höheren Klassen, ist dem Proletariat vielfach noch Kleinbürgerkultur die ersehnte, täglich erstrebte und, wo immer nur möglich, nachgeahmte höhere Kultur.“ 

Und selbst beim Arbeiter, der sich zur sozialistischen Bewegung bekenne, habe sich im Grunde nicht viel verändert: Der Arbeiter werde „Gewerkschafter, Parteikämpfer, vielleicht schon Genossenschafter, er wird auch Turner, Sänger, Naturfreund, wird Theater-, vielleicht schon Konzerthausbesucher – aber zu Hause ist Kleinbürgerwelt, ist Vater- und Gattentyrannis, ist Bier- und Spielkartenleben.“

Wohnraumpolitik

Das wichtigste kommunale Ziel der Sozialdemokraten war jedoch, Wohnraum zu schaffen. Die Zentralisierung der Arbeiterschaft im Laufe der Industrialisierung hatte große Mietskasernen entstehen lassen, deren ornamentale Fassaden von der schlechten Innenausstattung ablenken sollten. Bereits zwischen 1870 und 1900 wurde in liberalen Kreisen viel über Wohnen für die unteren Klassen diskutiert. Ein Ergebnis waren die Wohnanlagen Stiftungshof (1896) und Lobmeierhof, beide von privaten Stiftungen errichtet, um begrünte Höfe herum gebaut und mit Gemeinschaftseinrichtungen. Die Miete für Wohnungen in diesen Gebäuden lagen 10 Prozent unter der üblichen Miete. Dies war bereits ein Fortschritt gegenüber den Bassenawohnungen und wurde wegweisend für die Kommunalpolitik der SDAP. Ebenfalls bis 1900 begannen Arbeitergenossenschaften, in gemeinschaftlicher Eigenleistung Abhilfe für die Wohnungsnot zu schaffen. Aber das lag nicht im Interesse der Sozialdemokraten. Für die SDAP war die proletarische Wohnsituation im Kapitalismus – getreu Lenins Dogma – ein Nebenwiederspruch, der sich in den erwarteten allgemeinen sozialen Umwälzungen lösen werde. In Wien zwang die extreme Wohnungsnot nach dem Krieg die Sozialdemokraten jedoch, sich eher mit dem Problem zu beschäftigen. Um nämlich erst einmal ein Dach über dem Kopf zu haben, bauten einige tausend Arbeiter auf öffentlichem Land an der Peripherie ihre Hütten. Einige dieser Siedlungen entwickelten sich mit Hilfe von Gewerkschaften und Kooperativen zu permanenten Gartenstädten. Die SDAP beobachtete diese Entwicklung misstrauisch, sie vermutete darin kleinbürgerliche Aspirationen des Proletariats. Und als ehemalige Soldaten leerstehende Häuser besetzten, sprachen die Sozialdemokraten sogar von „wilden Umtrieben“. Die Partei musste sich endlich um das Wohnproblem kümmern, bevor die Lösung anarchistisch von den Arbeitern selbst in die Hand genommen wurde. Erster Schritt war das 1919 geschaffene Wohnanforderungsgesetz, das ab 1921 auch auf nationaler Ebene galt. Fehlbelegungen sollten vermieden werden, indem Staat und Gemeine eingriffen. Große Wohnungen von alleinstehenden Personen, leere Kasernen und Hotels konnten von der Gemeinde „angefordert“ und an Obdachlose und Bedürftige vergeben werden. Bis 1925 wurden auf diese Weise 44.800 Wohnungen neu belegt. Dann wurde das Bundesgesetz außer Kraft gesetzt. Doch die Neuverteilung reichte nicht aus. Der Staat musste aktiv neuen Wohnraum schaffen. Nachdem das Bundesland Wien souverän wurde, eigene Steuern erheben konnte und Anspruch auf Bundesgelder hatte, konnte die Gemeinde an dieses Ziel gehen. Das Mieterschutzgesetz von 1917, das die Mieten auf Vorkriegsniveau festschrieb, hatte auch Vorteile für die sozialdemokratische Politik: Haus- und Grundeigentum lohnte nicht mehr für private Bauherren, und die Stadt konnte als alleinige Interessentin preiswert Land und Baumaterial kaufen. Da es allerdings nie ein Enteignungsgesetz gab, musste die Stadt in „Lücken“ bauen. Die Ringstraße und die inneren Bezirke blieben dadurch großbürgerlich und adelig geprägt. Im September 1923 beschloss der Gemeinderat ein Wohnprogramm für zunächst 25.000 Wohnungen, die in den nächsten fünf Jahren gebaut werden sollten. Bereits 1927 konnte ein zweites Programm für 30.000 Wohnungen in Angriff genommen werden. Bis 1934 entstand auf diese Weise 58.667 Wohnungen in 384 größeren Wohnanlagen und 5257 Einfamilienhäuser, Wohnraum für insgesamt 220.000 Wohnungen. Die Großwohnanlagen lagen um Höfe herum, in denen weiträumige Grünanlagen an die bürgerlichen Gartenstädte erinnerten. Die Gegner der Sozialdemokraten befürchteten, dass die Partei die „Superblocks“ bewusst in überwiegend bürgerliche Bezirken erbaute, um die Wahlergebnisse dort zugunsten der SDAP zu beeinflussen. Später, als das Klima in der ersten Republik militanter wurde, vermutete man eine bewusst gewählte Lage entlang von Eisenbahnlinien und nahe Brücken. Die festungsartigen Gebäudekomplexe mit ihren riesigen Innenhöfen seien gut geeignet zur Verteidigung und zum Exerzieren der Schutzbund-Truppen. Tatsächlich übten sie dort im Februaraufstand 1934, doch waren die Standorte nicht bewusst gewählt, sondern unterlagen ökonomischen Zwängen wie verfügbarer Platz und Kosten.

Steuerwesen

Die Finanzierung dieser Wohnbauprogramme und der anderen Kommunalausgaben wurde ermöglicht durch eine kleine „Revolution“: Das Steuerwesen in Wien wurde neu ausgearbeitet. Die allgemein fixierten indirekten Steuern, wie die Mehrwertsteuer, wurden in stark progressive direkte Steuern, also einkommensabhängige Steuern verwandelt. Hinzu kamen Luxusteuern für die Haltung von Reitpferden, große Privat-PKW und Hotelzimmer, Pelzmäntel und dergleichen. Dadurch wurde erstmals eine deutliche Entlastung der Arbeiterschaft und des Kleinbürgertums geschaffen.

Hugo Breitner, der Schöpfer dieser Steuerreform, wurde von Konservativen als „Steuervampir“ beschimpft, er musste sich den Vorwurf gefallen lassen, sein Steuersystem sei „wirtschaftsmordend“. Doch entgegen aller Vorurteile konnte Wien seine Position in der österreichischen Arbeitslosenstatistik im Laufe der ersten Republik verbessern. (Die absoluten Zahlen stiegen zwar, wie in ganz Österreich und auch in Deutschland, woran die gesamte marode Weltwirtschaft schuld war, relativ allerdings gab es in Wien am Ende der Republik weniger Arbeitslose als zu Beginn.)

Gemeindeinvestitionen wurden statt durch Kredite direkt finanziert. Damit waren sie unabhängig von den Kreditgebern und mussten keine hohen Mieten zur Amortisierung der Zinsen verlangen. Stattdessen erlaubten die durch das Mieterschutzgesetz niedrig gehaltenen Mieten die Einführung einer Wohnbausteuer, die ebenfalls stark gestaffelt war. So bezahlten 82 Prozent aller Mietobjekte in der Gemeinde Wien nur 22 Prozent des Wohnbausteueraufkommens, während 0,5 Prozent der Mietobjekte, nämlich die teuersten Wohnungen der gut Verdienenden, 45 Prozent aufbringen mussten. Doch selbst für die teuersten Wohnungen musste nur 20 bis 37 Prozent der Vorkriegsmiete bezahlt werden. Im Endeffekt machte die Mietbelastung nur etwa 4 Prozent des Einkommens eines Arbeiterhaushaltes aus. Zuvor waren es 30 Prozent. Bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit wurden die Mieten der Gemeindebauwohnungen sogar gestundet.

Durch die Wohnbausteuer wurden immerhin 40 Prozent der Baukosten für die neuen Gemeindebauten bestritten. Die restlichen 60 Prozent kamen durch die Luxussteuern und Bundesgelder in die Gemeindekasse. Obwohl Wien als Bundesland zwar eigene Abgaben erheben konnte, blieb es dennoch auf Bundesgelder angewiesen. Dies wurde in der Endphase der ersten Republik ein geeigneter Angriffspunkt für die konservativ-klerikalen Kräfte gegen das Rote Wien.

Der bis heute wohl bekannteste „Superblock“ Wiens ist der Karl-Marx-Hof im Bezirk Döbling. 1927 wurde beschlossen, auf der stadteigenen Hagen-Wiese eine Großwohnanlage zu bauen. Von der Gesamtwohnfläche von 156.000 Quadratmetern wurden 18,4 Prozent verbaut. 5000 Menschen lebten in 1800 Wohnungen. Zwei große elektrisch beheizte Zentralwäschereien, zwei Kindergärten, ein Jugendheim, eine Schulzahnklinik, eine Bibliothek, zwei Badeanlagen mit Brause- und Wannenbädern, ein Postamt, eine Apotheke und viele Geschäfte fanden sich in dem einen Kilometer langen Komplex. Genormte Fenster, Steildächer, Türme und Vorsprünge sollten verhindern, dass diese lange Strecke langweilig wirkte. Auch wurde bewusst ein Hang ins Monumentale eingeschlagen, um ein Symbol für das „zu Stein gewordene Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse“ aufzustellen. 

Eine neue Definition von Arbeiterwohnung wurde nicht versucht, wichtiger war, Wohnraum für die Massen zu schaffen. Durch arbeitsintensiven Ziegelbau und Holz, das auch im Winter verbaut werden konnte, sollten gleichzeitig die Arbeitslosenzahlen beeinflusst werden. Allerdings hatten sich die Wiener Sozialdemokraten nicht bei deutschen Städten wie Hamburg erkundigt, wie dort Gemeindebauten errichtet wurden. So haben die Wiener vermutlich teurer gebaut, als nötig gewesen wäre.

Die Wohnungen waren meist um 50 Quadratmeter groß, für größere Familien gab es auch einige größere Wohnungen. Im Gegensatz zu den alten Bassenawohnungen mit vergitterten Gangfenster, Zimmerfenster auf den dunklen „Lichthof“ hinaus, mit Wasser und Toilette auf dem Flur waren die meisten der Neubauten direkt belichtet, hatten einen kleinen Vorraum, der die Wohnung vom Stiegenhaus trennte, einen kleinen Abstellraum, Kellner- und Bodenabteil und Toilette und Wasser in der Wohnung.

Vergeben wurden die neuen Wohnungen nach einem Punktesystem: Eine schlechte bisherige Wohnsituation, körperliche Gebrechen oder Kinder brachten „Pluspunkte“. Auch wem von seinem Vermieter gekündigt wurde, hatte große Chancen auf eine Gemeindebauwohnung. Da besonders häufig aktiven Sozialdemokraten gekündigt wurde, setzte sich in den Wohnanlagen eine starke sozialdemokratische Präsenz durch. Die Wartelisten für die Gemeindebauten waren lang, da die Wohnungen sehr begehrt waren, und wer einmal eingezogen war, zog so schnell nicht mehr aus.

Doch selbst diese über 60.000 Wohneinheiten reichten nur zur Abwendung der allergrößten Not aus. Nach einer  soziologischen Studie von 1932 lebten nur zehn Prozent der Industriearbeiterinnen in den Gemeindebauten. Die Mehrheit musste weiterhin in den „Zinskasernen“ wohnten.

Leben in den Höfen

Den Freunden und Feinden der Sozialdemokratie galten die „Superblocks“ des Roten Wien gleichermaßen als „politisches Manifest der österreichischen Sozialdemokratie“. Die Gemeindebauten fanden internationale Beachtung – war es doch einer der ersten scheinbar erfolgreichen Versuche, das „Recht auf Wohnen“ festzuschreiben. Sie machten die austromarxistische Politik auch unter den Wiener Arbeitern populär: Gewann die SDAP 1919 noch 54 Prozent der Stimmen, erhielt so 1927 60 Prozent bei den Gemeinderatswahlen. Doch wie wurde das Leben in diesen „Superblocks“ von ihren Bewohnern und Bewohnerinnen empfunden? Sowohl die bereits erwähnte soziologische Untersuchung 1932 als auch zahlreiche Oral-History-Projekte der vergangenen 20 Jahre werfen ein kritisches Licht auf die Realität einer real existierenden sozialistischen Utopie.

Die weiträumigen Innenhöfe der Gemeindebauten sollten zum Verweilen und Kommunizieren einladen. Die bürgerlichen Gegner des Roten Wiens warfen dem Stadtrat die „Zerstörung der Familie“ vor. Tatsächlich wurden die Höfe aber weniger genutzt als geplant: In den alten Bassenawohnungen trafen sich die Hausfrauen während ihrer Arbeit beim Wasserholen auf dem Gang und tauschten nebenbei Informationen aus. In den modernen Gemeindebauwohnungen mit ihrem fließenden Wasser blieb diese spontane Kommunikation aus. Und wer sich in den Hof setzte, hatte für alle Mitbewohner offensichtlich nichts zu tun.

Die Berufstätigkeit von Frauen in den Gemeindebauten nahmen wider Erwarten im Laufe der Jahre ab. Das hatte einerseits finanzielle Gründe: Durch die niedrigen Mieten genügte ein einzelner Verdiener pro Haushalt . Andererseits hätte eine berufstätige Frau in den Gemeindebauten ihre Aufgaben ganz anders organisieren müssen, denn es fehlten die „Heinzelmännchen des Proletarierhaushaltes“, wie die zeitgenössische Soziologin Käthe Leichter die weiblichen Verwandten und Nachbarinnen nannte, mit denen man in den alten Zinskasernen auf engstem Raum zusammenwohnte und die die Kinderbetreuung übernehmen konnten. Stattdessen stand der berufstätigen Mutter in den Höfen kommunale Kindergärten zur Verfügung, die jedoch nicht kostenfrei waren, Kinder erst ab dem Alter von vier Jahren aufnahmen und erst um 8 Uhr öffneten, die Mutter aber schon um 7 Uhr auf ihrer Arbeitsstelle sein musste. Dazu kam die überall herrschende Meinung, die Frauen nähmen den Männern die raren Arbeitsstellen weg. Konsequenz: Die Frauen besonders der Gemeindebauwohnungen gaben ihre Berufstätigkeit zugunsten der Haushaltsführung und Kindererziehung auf.

Die Wohnungen hatten im Schnitt eine Wohnfläche von etwa 50 Quadratmetern. Es gab keine kleineren Wohnungen für ledige junge Erwachsene. Die Norm war auch für die Sozialdemokraten die Familie. Wer keine Familie gründete, musste weiterhin zur Untermiete in den schlechten alten Wohnungen leben. Besonders für Frauen war das aufwendige und bürokratische Punktesystem, nach denen die neuen Wohnungen vergeben wurden, abschreckend. Ohne Beziehungen zu höheren Parteifunktionären, die dem Gerücht nach Wohnungen mitunter auch über eine sogenannte „graue Liste“ vergaben, war die Bewerbung oft erfolglos.

Die abgeschlossenen Wohnungen sollten Rückzugsmöglichkeiten eröffnen. Doch für wirklich freie Entfaltung waren die Wohnungen zu klein – sie waren für dreiköpfige Familien geplant, die meisten Arbeiterfamilien hatten aber mehr Kinder, so dass man sich nach wie vor auf engem Raum einrichten musste.

Der Grundriss der größeren Wohnungen beinhaltete, im Gegensatz zu zeitgenössischen modernen Frankfurter Küche, dem Vorläufer der pragmatischen Einbau-Küche, eine traditionelle Wohnküche. Damit sollte nach den Ideen der Architekten verhindert werden, dass die Frau bei ihrer Hausarbeit von den politischen Gesprächen ihres Mannes und seiner Freunde ausgeschlossen blieb. Die traditionelle Geschlechter-Rollenverteilung wurde aber von den Austromarxisten niemals wirklich in Frage gestellt. Moderne Vorschläge wie das „Einküchenhaus“ Heimhof, ein Mehrfamilienhaus mit Zentralküche und Speisesaal für alle Mietparteien, blieben im Roten Wien die Ausnahme – obwohl die 246 Wohnungen des Heimhofs besonders unter Frauen sehr begehrt waren.

Die Hausarbeit war in den Gemeindebauten weniger erleichtert, als es die Werbung des Roten Wiens suggerierte: Es gab zwar Gaskochstellen, aber keine Zentralheizung, so dass die Frauen weiterhin Kohlen aus dem Keller schleppen mussten. Die Böden waren zwar pflegeleichter, aber auch die Sauberkeitsstandards stiegen, so dass es keine wirkliche Zeitersparnis gab.

Die Wohnungen war lichtdurchflutet und ließen sich gut lüften – eine erhebliche Verbesserung der Wohnqualität. Dadurch verlagerte sich das Privatleben der Männer teilweise vom Wirtshaus, dem typischen proletarischen Kommunikationszentrum, in das gemütliche Zuhause. Für die Abstinenz-Bewegung eine positive Wendung, sah sie doch das Wirtshaus als Ort der Verführung zum Alkohol. Für die Ehefrau und die Kinder bedeutete die Anwesenheit des Mannes im Haushalt aber oft auch eine Beeinträchtigung. Die dominierende Macht des Ehemannes und Vaters, der „ständige Imperativ“ des Still- und Gehorsamseins in der engen Stube, sobald der Mann nach Hause kam, ist auch in den Lebenserinnerungen der Bewohner und Bewohnerinnen der Gemeindebauten ein ständig wiederkehrender Eindruck.

Die schönen neuen Wohnanlagen erforderten auch neue Normen der Sauberkeit. Die Gemeindeverwaltung richtete Beratungsstellen ein, um neue Mieter bei ihrer Möbelwahl zu unterstützen. Dies war notwendig, denn viele der alten Möbel waren zu groß für die niedrigen Neubauten. Gleichzeitig sollte aber auch zu einer eigenen austromarxistischen Ästethik angeleitet werden. Schließlich wollten die Austromarxisten ein proletarisches Wertesystem als Gegenstück zur bürgerlichen Welt etablieren. Dazu gehörte auch die Wohnungseinrichtung: Die Möbel sollten praktisch und funktional sein, kein unnötiger Zierrat und „kleinbürgerlicher Kitsch“ sollte dem Arbeiter die Illusion eines bürgerlichen Daseins vortäuschen. Allerdings hatten sie die Rechnung oft ohne die neuen Bewohner gemacht: Die Balkone und Wohnungen wurden immer wieder nach den alten Vorstellungen von „bürgerlicher Behaglichkeit“ eingerichtet.

Das Leben in den Hofgemeinschaften musste angesichts der Bewohnerzahlen genau organisiert werden. Jede Mietpartei bekam Zeiten für die Benutzung des Waschhauses zugewiesen, die nicht unbedingt auf die Arbeitszeiten berufstätiger Frauen abgestimmt waren. Blumenbeete durften nicht nach eigenen Vorstellungen gestaltet werden, die Kinder durften nicht auf dem Rasen spielen, nur auf den Spielplätzen, und die Mittagsruhe war in den Höfen heilig. Der sozialdemokratische Hausmeister war genauso eine Autoritätsfigur wie zuvor der Hausmeister der Zinskasernen. Diese Verregelung des Lebens in den Höfen führte dazu, dass die Familien am Sonntag lieber in den Wienerwald fuhren, statt sich im Hof mit den Nachbarn zu unterhalten.

Es zeigt sich, dass die Prinzipien des „neuen Menschen“ im Privatleben der Wiener Arbeiter und Arbeiterinnen auch in den Gemeindebauten weit weniger präsent waren, als sich das die austromarxistischen Theoretiker überlegt hatten. Und auch die Erfolge auf dem Wohnungsmarkt waren nicht so revolutionär wie von der SDAP behauptet: Zwischen 1924 und 1934 verdreifachte sich die Zahl der Obdachlosen in den Heimen auf 77.419 Menschen im Monat. Nur 18 Prozent aller Arbeiterhaushalte hatte am Ende der ersten Republik Gas, Strom und fließend Wasser in den Wohnungen, 18 Prozent gingen nach wie vor leer aus.

Doch es gab auch positive Seiten: Bei den Eröffnungsfeiern neuer Wohnanlagen kamen stets Zehntausende von Schaulustiger, Volksfeststimmung zeugte von einer großen Akzeptanz der Gemeindebauten. Endlich war für viele Mieter ein dauerhaftes Wohnen möglich, ohne Sorgen um Kündigungen oder Vermieterwillkür. Gesicherte Wohnverhältnisse waren wichtig für kontinuierliches politisches Engagement und lagen somit auch im Interesse der Sozialdemokraten. Ein weiteres Zeichen für die Akzeptanz ist auch, dass die riesigen Wohnanlagen selbst im Laufe der Jahre und Jahrzehnte nicht verwahrlosten oder einen Ghetto-Charakter bekamen. Und trotz aller Halbheiten geht aus den Lebensgeschichten vieler Bewohner und Bewohnerinnen der Gemeindebauten hervor, dass die Solidarität in den Wohnanlagen größer war als in den Zinskasernen. Dies spürten nach 1934 auch austrofaschistische und nationalsozialistische Parteigänger und Funktionäre, die zur Untergrabung der mittlerweile verbotenen Sozialdemokratie in die Gemeindebauten eingewiesen wurden. Sie beklagten sich immer wieder über die eisige Kälte und die stumme Ablehnung durch die Mitbewohner und verlangten nicht selten eine andere Wohnung. Diese Solidarität zeigte sich am deutlichsten im Bürgerkrieg des Februars 1934, als der Karl-Marx-Hof eines der Zentren des sozialistischen Widerstandes in Wien war. Hier währten die Kämpfe der hoffnungslos unterlegenen Arbeiter gegen die schwer bewaffneten Bundestruppen am längsten.

Das Ende des Roten Wien

An diesem Punkt ist es notwendig, sich der Bundespolitik zuzuwenden, da diese die kommunale Tätigkeit des Roten Wiens beeinträchtigte und schließlich beendete. Die SDAP war nach 1920 in ganz Österreich in der Opposition und befand sich somit in einer schwierigen Lage. Die bürgerlichen Christsozialen prägten die konservative Meinung. Gleichzeitig wurde der Austrofaschismus immer stärker. Diese spezielle Spielart des Faschismus wurde getragen von einem autoritär-konservativen politischen Katholizismus, der ständestaatliche Ideen verwirklichen wollte. Hinzu kam die an Mussolinis Italien orientierte Heimwehr, die zunächst die Grenzsicherung übernommen hatte, doch im Laufe der Republik zusehends militanter gegen die Demokratie im Land auftrat. Und auch die deutschen Nationalsozialisten waren gleich nach ihrer zweiten Gründung 1923 in Österreich vertreten. Auf der sozialdemokratischen Seite radikalisierte sich der republikanische Schutzbund, um die Demokratie und das Rote Wien gegen Rechts zu verteidigen. Die politische Wende begann 1927: Im Januar hatten Angehörige der rechtsgerichteten „Frontkämpfer“ in Schattendorf einen sozialdemokratischen Kriegsinvaliden und ein Kind erschossen, wurden aber bei der Gerichtsverhandlung am 14. Juli freigesprochen. Daraufhin kam es zu einer großen spontanen Arbeiterdemonstration in Wien gegen die „arbeiterfeindliche bürgerliche Klassenjustiz“, in deren Verlauf der Justizpalast in Brand gesteckt wurde. Die SDAP versuchte vergeblich, die Massen zu beruhigen. 85 Arbeiter wurden von der Polizei erschossen, was dem Polizeipräsidenten den Ruf eines „Arbeitermörders“ brachte. Um die Demonstranten wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, rief die SDAP stattdessen zu einem 24-stündigen Generalstreik und einem unbefristeten Verkehrsarbeiterstreik auf, der allerdings nach zwei tagen abgebrochen wurde. Das Verhalten der SDAP führte bei vielen Arbeiter und Arbeiterinnen zur Distanzierung von der Partei, die ihnen unglaubwürdig erschien. Da es aber keine Alternative gab – die KPÖ hatte während der ersten Republik nie wirklich stark werden können – blieben die Wähler der Partei treu: 1932, bei den letzten Gemeindewahlen der ersten Republik, konnte die SDAP ihren Anteil von 65 Prozent auf 66 Prozent steigern, während die Christsozialen ihre Stimmen halbierten. Erstmals kam in diesem Jahr auch die NSDAP mit 15 Prozent in den Wiener Gemeinderat. Für die bürgerlich-klerikalen Rechten waren die Ereignisse von 1927 gleichzeitig ein Signal, dass die SDAP ihre Basis nicht zum Kampf gegen Rechts mobilisieren wollte und somit zu schlagen war. Nach diesem Fanal wurde die christlichsoziale Opposition im Wiener Gemeinderat systematisch von der bürgerlichen Bundesregierung unterstützt. Die Weltwirtschaftskrise, die das im- und exportabhängige Österreich besonders traf, trieb weite Kreise der Mittelschicht zur Heimwehr. Die SDAP dagegen entwickelte auch in den Folgejahren keine offensive Strategie gegen den wachsenden Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Stattdessen nahm sie alle Angriffe auf ihre Positionen in Staat und Wirtschaft tatenlos hin – und das obwohl Parteibasis und Republikanischer Schutzbund zum Kampf bereit waren. Die Partei entwickelte stattdessen eine Theorie der „Pause“ und formulierte immer defensivere Minimalforderungen zur Erhaltung der Republik. Der trotz allem aufrechterhaltene „Mythos der Unbesiegbarkeit“ durch die starken Arbeiterorganisation verharmloste die reale Gefahr, die dem Roten Wien und der Demokratie in Österreich drohte. 1932 wurde der Republikanische Schutzbund verboten. Die Polizei führte in Arbeiterheimen regelmäßig Waffenrazzien durch, während sich die Anschläge der Heimwehr und der Nazis häuften, geduldet von der seit 1932 amtierenden austrofaschistischen Regierung Dollfuß. Als am 12. Februar 1934 bei einer regulären Razzia in einem Linzer Arbeiterheim ein bewaffneter Schutzbundfunktionär Widerstand leistete und schoss, entbrannte innerhalb kürzester Zeit ein Bürgerkrieg, der neben den österreichischen Industriezentren vor allem Wien erfasste. Ein Generalstreik im Elektrizitätswerk und allen anderen Fabriken legte das Leben der Stadt lahm. Polizei und Militär riegelte die Innenstadt an und ging gegen Arbeiterheime und Gemeindebauten vor. Die Arbeiter versuchten verzweifelt, den Karl-Marx-Hof und andere Errungenschaften des Roten Wien gegen die Artillerie der Regierung zu verteidigen. Doch der Kampf war ungenügend organisiert. Einzelne Kampfgruppen waren völlig abgeschnitten von Informationen und Nachschub, und alle waren technisch den Bundestruppen unterlegen. Außerdem war die Arbeiterschaft zu geschwächt und resigniert durch die fehlende Unterstützung durch ihre Partei. Der Kampf war zum Scheitern verurteilt. So wurde der Februar-Aufstand blutig niedergeworfen, der Austrofaschismus konnte sich nun auch in Wien endgültig durchsetzen, bis er 1938 durch den Nationalsozialismus Hitlers abgelöst wurde. Damit endete auch die sozialdemokratische Kommunalpolitik in Wien. Ein rechter Bundeskommisär zog in das vormals rote Rathaus ein und ernannte Mitglieder der verschiedenen Stände in eine Bürgerschaft. Wien verlor seine Autonomie und wurde bundesunmittelbare Stadt. Der Karl-Marx-Hof wurde umbenannt in Heiligenstädter Hof, engagierten Sozialdemokraten gekündigt, neue, den Machthabern treue Mieter eingewiesen und die Mieten wurden um 20 Prozent erhöht. Eine Kapelle im Innenhof setzte ein deutliches Signal der katholischen Kirche. Als die SDAP nach dem Februar-Aufstand verboten und alle sozialdemokratischen Organisationen aufgelöst wurden, zogen sich etliche Arbeiter und Arbeiterinnen ins Private zurück. Doch einige tausend, vor allem junge Sozialdemokraten gingen in den Untergrund. Diese Bewegung spaltete sich in die Gruppe der Revolutionären Sozialisten, von denen viele zu den Kommunisten überliefen, und den gemäßigteren Sozialdemokraten, die durchhielten und die Zeit nach dem Ende des Nationalsozialismus vorbereiteten.

Gründe für das Scheitern des Roten Wien

Für das Scheitern des Roten Wien sind auf der einen Seite natürlich die harten Angriffe von außen verantwortlich: Dem konservativen Bürgertum in Wien und Österreich war die sozialdemokratische Kommunalpolitik stets ein Dorn im Auge. Die SDAP hatte ihre Anhänger vorwiegend in der Arbeiterschaft, zum Teil noch bei kleineren Beamten. Doch im Gebirgsland war ein Sozialdemokrat, wie die Kulturhistorikerin Hanna Domandl schrieb, „ein leibhaftiger Gottseibeiuns, der von anderen Dorfbewohnern geschnitten wurde“. Die mangelnde wirtschaftliche und politische Stärke des Bürgertums führte dazu, dass es auf die religiösen und ständestaatlichen Ideen des Austrofaschismus zurückgriff. Das Bürgertum nutzte folglich jede Gelegenheit, das Rote Wien zum Beispiel parlamentarisch zu bekämpfen. Die mehrheitlich konservative Bundesregierung hatte in entscheidenden Fragen der Kommunalpolitik, wie der Schul- und Finanzpolitik, beim Mieterschutzgesetz und in der Autonomiefrage des Bundeslandes Wien Mitspracherecht. Außerdem war Wien trotz eigener Finanzhoheit stets von Bundesgeldern abhängig. Damit konnte das unliebsame Wien finanziell aisgetrocknet werden. Der sozialdemokratische Gemeinderat reagierte mit Lohnkürzungen, Tariferhöhungen und dem Verkauf städtischer Unternehmen, verschlechterte dadurch aber seine machtpolitische Position.

Doch auch innere Schwierigkeiten förderten das Scheitern oder haben es zumindest nicht verhindern können. Die SDAP reagierte mit äußerster Korrektheit auf die indirekten Attacken, um keine weiteren Angriffspunkte zu liefern. Durch diese Defensivpolitik isolierte sich die Partei jedoch von der Solidarität der eigenen Anhänger. Die Kluft zwischen den Parteifunktionären und der Arbeiterschaft vertiefte sich.

Diese Kluft spiegelte sich besonders deutlich auch im Bereich der Kulturarbeit wider. An dieser Stelle muss auch gefragt werden, was denn überhaupt „sozialistische Kultur“ ist und wer dessen Inhalte bestimmt. Die Austromarxisten, die sich sehr um die Schaffung einer neuen Kultur und eines „neuen Menschen“ bemühten, versuchten ihre Ideen den Arbeitern „einzutrichtern“. Diese  Versuche waren jedoch nicht sehr erfolgreich.

Das lag auch daran, dass ihre Ideen vom „neuen Menschen“ oft realitätsfremd waren. Ein gutes Beispiel hierfür war die Rolle der Frau im Roten Wien. Die „neue Frau“ sollte jugendlich, angstlos und frei sein, legere Kleidung und die modernen Bubikopf-Frisur sollten das Aktive und Sportliche betonen. Sie sollte „dem Mann ein Kamerad, den Kindern ein Freund“ sein. Die Wirklichkeit war allerdings auch im Roten Wien eher das Los der dreifachen Belastung einer berufstätigen Mutter und Hausfrau. Diese Last sollte zwar durch etliche Hilfen wie Kindergärten, elektrische Haushaltsgeräte und medizinische Beratung erleichtert werden. Doch wurden diese Hilfen meist weit entfernt von den tatsächlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Arbeiterinnen geplant. Im übrigen wurde die Rollenverteilung in der Familie in keiner Weise überdacht. Die Frau sollte weiterhin dem Mann ein „ordentliches Heim“ schaffen. Hier zeigt sich die Erziehung und Herkunft der Erfinder des Austromarxismus: Die bildungsorientierte Mittelklasse meinte es gut mit der Arbeiterklasse, doch vergaß sie oft in ihrer Philantrophie eine wirkliche Auseinandersetzung mit den betroffenen Menschen.

Auch in anderen bereichen der Kultur zeigten sich Halbheiten, Kompromisse zwischen austromarxistischer Theorie und Wiener Praxis. So sollte dem „neuen Menschen“ zwar ein neues, dem bürgerlichen entgegengesetztes Wertesystem anerzogen werden. Wenn der Arbeiter und die Arbeiterin jedoch ins Theater oder zu Konzerten ging, sollten sie sich „entsprechend“, nämlich der bürgerlichen Etikette entsprechend fein anziehen. Eine zeitgenössische Kritik lautete denn auch, im Automarxismus sei der Proletarier nur ein „missglückte Fotografie des Bürgers“. 

Im Rückblick ergeben sich weitere Kritikpunkte an der SDAP im Wien der Zwischenkriegszeit: Die Partei habe sich zwar stets gegen ihre „reformistische“ Schwesterpartei MSPD in Deutschland abzugrenzen versucht, doch auch sie habe im Grunde statt Revolutionen nur Reformen gewagt, diese aber im Nachhinein als „demokratischen Weg zum Sozialismus“ uminterpretiert. Und die Selbstüberschätzung des Roten Wien als „sozialistische Insel“ mit dem Sinnbild des „unangreifbaren“ Karl-Marx-Hofes habe zu einer fatalen Blindheit gegenüber dem Austrofaschismus geführt. 

Viele Vorwürfe ähneln denen, die der deutschen Sozialdemokratie von der Nachkriegsgeneration gemacht wurde. Auch der österreichische Sonderweg war nicht stark genug, die faschistischen Angriffe abzuwehren.

 

Zusammenfassung und Beurteilung

Nach dem ersten Weltkrieg kam die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs in Wien an die kommunale Macht. Damit bot sich die Möglichkeit, die vor dem und während des Weltkrieges entwickelten Gesellschaftstheorien des Austromarxismus zu verwirklichen, der Versuch eines dritten Weges zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus. Die Wiener Austromarxisten übernahmen den Gemeinderat jedoch in einer politisch und ökonomisch äußerst schwierigen Situation. Wien, die vormals strahlende Hauptstadt der großen Donaumonarchie, war plötzlich der „Wasserkopf“ eines „Rumpfstaates“ mit den typischen Nachkriegsproblemen einer Millionenstadt: Hunger, Krankheit, Inflation und Arbeitslosigkeit. Hinzu kam aufgrund der speziellen Situation Wiens eine extreme Wohnungsnot.

Die sozialdemokratischen Stadtherren entwickelten umfangreiche Fürsorge- und Wohnraumbeschaffungsprogramme, die, in Relation zur Kürze der ihr verbleibenden Zeit und zur Schärfe der Probleme, revolutionär erfolgreich waren. Außerdem wuchs im Schatten der Partei zumindest in Wien die Arbeiterkultur von der unterdrückten Subkultur zur gesamtgesellschaftlich dominierenden, vom Gemeinderat unterstützten Kultur.

Doch auch den Wienern wurden die eigenen Halbheiten und Fehler zum Verhängnis. Als die reaktionären Kräfte in Österreich vor allem in Form von Austrofaschisten und Heimwehr, später auch der Nationalsozialisten, militanter gegen die Demokratie vorgingen, zeigten sich die Schwächen der Theorie: Die Partei zog sich immer mehr zurück, statt zu kämpfen; die Arbeiterschaft verlor immer mehr Vertrauen zu ihrer Partei, und im entscheidenden Moment, in den Februarkämpfen 1934, konnten die rechten Kräfte die Partei und die Arbeiterbewegung in allen machtpolitischen Positionen ausschalten.

Auch der Austromarxismus in seiner Manifestation des Roten Wien konnte den reaktionär-faschistischen Kräfte seiner Ära nicht standhalten, dafür waren seine Wurzeln noch nicht tief genug in die Gesellschaft gedrungen. Doch er stellte immerhin einen Versuch dar, ohne das Bürgertum völlig zu entrechten, mehr Gerechtigkeit und eine bessere Lebensqualität für die Arbeiterschaft zu schaffen. Aus diesem Grund wurde und wird auch in ihrer kulturellen Dimension, immer wieder aufgegriffen und als mögliches Modell für einen europäischen Sozialismus diskutiert.

Weder das monarchistische noch das sozialistische Wien hatten einen großen Einfluss auf die österreichische Nationalkultur. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land waren – und sind noch heute – zu groß. Wien war immer in einer Vorreiterrolle, der Österreich nicht folgen mochte und konnte. In diesem Sinne war auch das Rote Wien keine wirkliche Metropole, aber dafür ein für einige Jahre existierendes „Utopia“.

Literatur

Klaus Beitl (Hg.), „Gegenwartsvolkskunde und Jugendkultur“, Wien 1987; darin: Barbara Schleicher/ Helmut P. Fielhauer, „Rote Jugend in Wien – 1918 bis 1934“

Friedrich Boll (Hg.), „Arbeiterkulturen zwischen Alltag und Politik“, Wien 1986; darin: Helmut Gruber, „Working class women in red Vienna: Socialist concepts of the ‚new woman‘ vs. the reality of the triple burden“; Helmut Konrad, „Zur österreichischen Arbeiterkultur der Zwischenkriegszeit“; Karin Maria Schmidlechner: „Die Frauen in der Arbeiterkultur der Zwischenkriegszeit am Beispiel Österreichs“

Hanna Domandl, „Kulturgeschichte Österreichs. Von den Anfängen bis 1938“, Wien 1993

Herbert Exenberger/ Helge Zoitl, „Februar 1934 in Wien. Chronik, Schauplätze, Gedenkstätten und Augenzeugenberichte“, Wien 1984; darin: Helge Zoitl, „Chronik. Vom Jännerstreik 1918 bis Februar 1934“

Helmut Fielhauer/Olaf Bockhorn (Hg.), „Die andere Kultur. Volkskunde, Sozialwissenschaften und Arbeiterkultur“, Wien 1982; darin: Gottfried Pirhofer, „Ansichten zum Wiener kommunalen Wohnbau der zwanziger und dreißiger Jahre“

Alfred Georg Frei, „Rotes Wien“, Berlin 1984

Helmut Gruber, „Red Vienna. Experiment in working-class culture 1919-1934“, New York 1991

Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung, „Arbeiterkultur in Österreich 1918-1945“, Wien 1981; darin: Rainer Bauböck, „Wohnbaupolitik im Roten Wien“; Gottfried Pirhofer/Reinhard Sieder, „Familie und Wohnen im Roten Wien“

Wolfgang Lauber, „Wien. Ein Stadtführer durch den Widerstand 1934-1945“, Wien o.J.

Gerhard A. Ritter (Hg.), „Arbeiterkultur“, Königsstein/Ts. 1979; darin: Dieter Langewiesche, „Arbeiterkultur in Österreich: Aspekte, Tendenzen und Thesen“

Erwin Schmidt, „Wiener Stadtgeschichte“, Wien 1978

Erich Zöllner, „Geschichte Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“, Wien 1979

Birgit Köhler

Journalistin
Historikerin
Lyrikerin
aus Bremen