Der Struwwelpeter – eine Sitten- und Kulturgeschichte

Vorwort

Biographisches

Entstehung des „Struwwelpeters“

Die Geschichten im Einzelnen:

I. Vorspruch

II. Struwwelpeter

III. Die Geschichte vom bösen Friederich

IV. Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug

V. Die Geschichte von dem schwarzen Buben

Vorwort

„Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind; wenn sie ihre Suppe essen und das Brot auch nicht vergessen, wenn sie, ohne Lärm zu machen, still sind bei den Siebensachen, beim Spaziergehn auf den Gassen von Mama sich führen lassen, bringt es ihnen Guts genug und ein schönes Bilderbuch.“ So beginnt eines der bekanntesten deutschen Kinderbücher. „Der Struwwelpeter“ wurde trotz oder wegen seiner Darstellung bürgerlicher Moralvorstellungen seit seiner Entstehung 1844 immer wieder geliebt und angefeindet. Das Buch prägte einen psychologischen Terminus für eine Kinder-„Krankheit“, der „Zappelphilipp“, und eine literarische Gattung, die „Struwwelpetriaden“. Darüber hinaus prägte es unzählbar viele Kinder im Laufe der vergangenen 150 Jahre, die mit dem Schicksal des Suppenkaspars oder des armen Paulinchen konfrontiert, wenn nicht gar bedroht wurden. Wer und was steckt hinter diesem Erfolgsbuch? Wie wurde es gedeutet und geändert? Was macht den Erfolg aus? Diese Fragen zu klären soll Aufgabe dieses Referats sein. Dafür werde ich exemplarisch zu den einzelnen Geschichten des „Struwwelpeter“ verschiedene Deutungsmuster und Zusammenhänge vorstellen. Denn ohne Frage ist dieses Buch, das mittlerweile in des Volksgut eingegangen ist – wie die Grimmschen Märchen – mehr als nur ein deutsches Bilderbuch, es ist ein Stück deutscher Sitten- und Kulturgeschichte.

Biographisches

Der Autor des „Struwwelpeters“ wurde nie so berühmt wie sein erstes Kinderbuch. Heinrich Hoffmann selbst schrieb in seiner Autobiographie einmal: „Ich kann (…) mit Befriedigung sagen, der Schlingel hat sich die Welt erobert, ganz friedlich, ohne Blutvergießen, und die bösen Buben sind weiter auf der Erde herumgekommen als ich.“ Hoffmann selbst blieb seiner Heimatstadt Frankfurt am Main außer in seiner Studienzeit immer treu. Geboren wurde er dort am 13.7.1809 als Sohn des Architekten und Städtischen Wasser-, Wege- und Brückenbauinspektors Philipp Jacob Hoffmann und dessen Frau Marianne Caroline, die allerdings ein halbes Jahr nach seiner Geburt verstarb. Der Vater heiratete einige Jahre später die jüngere Schwester seiner ersten Frau.

Lebensaufgabe „Irrenanstalt“

Heinrich Hoffmann studierte Medizin in Heidelberg, Halle und Paris, kehrte dann aber wieder nach Frankfurt zurück, wo er zunächst bei einer Armenklinik arbeitete. Später war er Lehrer der Anatomie am Senckenbergischen Institut, bis er schließlich 1851 Anstellung als Arzt an der Städtischen Anstalt für Irre und Epileptiker fand. Dies wurde von nun an seine Lebensaufgabe: Er erneuerte die „Irrenanstalt“ sowohl architektonisch als auch pflegerisch nach modernsten Erkenntnissen. Sechs Jahre nach seiner Pensionierung starb Hoffmann am 20.9.1894 in Frankfurt. Heinrich Hoffmann war vor allem in seiner Jugendzeit politisch aktiv. So war er Mitglied in einer Freimaurerloge, aus der er nach einigen Jahren allerdings wieder austrat, da ihm die antisemitischen Tendenzen einiger Männer in seiner Loge nicht gefielen. Er beteiligte sich an den Vorbereitungen für das erste Deutsche Sängerfest 1838 und war 1848 Mitglied des Frankfurter Vorparlaments. Desweiteren gründete er einige schöngeistige Zirkel, wie die „Gesellschaft der Tutti Frutti“, in der Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller Vorträge zu den verschiedensten Themen hörten. Diese Gesellschaft richtete sich ebenso wie der von Hoffmann gegründete „Bürgerverein“ gegen Standesunterschiede, die in seiner Zeit noch klare Grenzen darstellten. Mit seiner Frau Therese Donner hatte Hoffmann drei Kinder, und seinem erster Sohn Carl, der 1841 geboren wurde, verdanken wir die Entstehung des „Struwwelpeters“.

Entstehung des „Struwwelpeters“

Zur Weihnachtszeit 1844 suchte der junge Arzt Heinrich Hoffmann ein Bilderbuch für seinen dreijährigen Sohn Carl-Philipp, fand aber nichts nach seinen Geschenk. Die Bilderbücher waren meist lebensechte Darstellungen von Gegenständen des täglichen Lebens oder sentimentale Märchen. Also brachte er schließlich nur ein leeres Heft mit nach Hause und beschloss, selber ein Bilderbuch herzustellen.

Hoffmann hatte bereits früher gezeichnet und gedichtet, war aber nicht besonders ambitioniert. Er verwendete seine kleinen Zeichnungen hauptsächlich, um seine Freunde zu amüsieren oder um kleine Patienten zu beruhigen. Er schilderte dies später folgendermaßen:

Ablenkung für kleine Patienten

„Ich bin der Arzt und als solcher oft einem störenden Hindernis bei der Behandlung kranker kleiner Kinder begegnet. Der Doktor und der Schornsteinfeger sind bei Müttern und Pflegerinnen zwei Popanze, um unfolgsame Sprösslinge zu schrecken und zu bändigen. (…) Sowie der Doktor an das Bett des kleinen Patienten tritt – weint, schreit, brüllt dieser mörderisch. Wie soll man da die Temperatur prüfen, wie den Puls fühlen, wie den Leid betasten? (…) Da nahm ich rasch das Notizbuch aus der Tasche, ein Blatt wird herausgerissen, ein kleiner Bube mit dem Bleistift schnell hingezeichnet und nun erzählt, wie sich der Schlingel nicht die Haar, nicht die Nägel schneiden lässt; die Haare wachsen, die Nägel werden länger, aber immer lässt er sich dieselben nicht schneiden, und immer länger zeichne ich Haare und Nägel, bis zuletzt von der ganzen Figur nichts mehr zu sehen ist als Haarsträhne und Nägelklauen. Das frappiert den kleinen Desperaten derart, dass er schweigt, hinschaut, und mittlerweile weiß ich, wie es mit dem Puls steht, wie seine Temperatur sich verhält, ob der Leib oder die Athmung schmerzhaft ist – und der Zweck ist erreicht.“ 

Hoffmann zierte sich

Heinrich Hoffmann hatte sich bereits 1843 als Autor versucht, als er eine Satire auf Hegels Naturphilosophie schrieb: „Die Mondzügler“. Allerdings war dieses Buch ein Misserfolg und kostete Hoffmann 80 Gulden. Aus dieser Erfahrung lernend, wollte er das Bilderbuch für seinen Sohn auch nicht veröffentlichen. Aber der Zufall wollte es, dass seine Freunde in der Tutti Frutti-Gesellschaft Gefallen an dem Büchlein fanden und ein Buchhändler es spontan drucken wollte. In Anbetracht seiner Schulden erklärte sich Hoffmann bereit, das Kinderbuch für den Betrag von 80 Gulden drucken zu lassen.

1845 erschien die erste nach der Urhandschrift lithographierte Ausgabe, deren Herstellung Hoffmann eigenhändig überwachte. Dieser Druck unterschied sich jedoch in Inhalt, Anordnung und Zeichnung noch von der heutigen Ausgabe. Der Titel lautete „Lustige Geschichten und drollige Bilder mit 15 schön kolorierten Tafeln für Kinder von 3 bis 6 Jahren.“ Hoffmann verbarg sich hinter dem Pseudonym „Reimerich Kinderlieb“. Für den jungen Arzt war es vermutlich eine Frage des Ansehens, nicht als Autor eines Kinderbuches in die Öffentlichkeit zu treten. Erst ab der 5. Auflage 1847 wer sein voller Name mit Doktortitel auf dem Umschlag zu lesen.

Nach und nach kamen auch die Geschichten von Paulinchen, dem Zappelphilipp, Hanns Guck-in-die-Luft und dem fliegenden Robert hinzu. Der Struwwelpeter, der als Lückenbüßer die letzte Seite des Schreibheftes gefüllt hatte, rückte nach vorne und war fortan die Titelgestalt. So lag 1847 der „Struwwelpeter“ vollständig in der heutigen Form vor.

Nach vier Wochen ausverkauft

Das Buch hatte sofort einen ungeheuren Erfolg. Die 1500 Exemplare der ersten Auflage waren in nur vier Wochen restlos ausverkauft. 1876 konnte bereits die 100. Auflage gefeiert werden, und zwei Jahre nach Hoffmanns Tod erschien die 200. Auflage. Bis zur 300. Auflage dauerte es nur noch zwölf Jahre. Das Jahr 1920/21 war ein besonders erfolgreiches für Hoffmanns Stammverlag Rütten & Loening: 1920 kam die 400. Auflage heraus, 1921 bereits die 502. Auflage! Bis 1939 erschienen etwa 5000 Auflagen, ab 1925 kamen noch zahlreiche unlizensierte Abdrucke des „Struwwelpeter“ hinzu

Sehr schnell wurde das Buch auch in andere Sprachen übersetzt. Bereits 1847 benutzte Hoffmann eine russische Version des „Struwwelpeter“ für eine bildnerische Überarbeitung des deutschen Buches. Mittlerweile gibt es ihn in allen Sprachen der Welt, von Esperanto über Japanisch bis hin zum lateinischen „Petrulus Hirrutus“.  

Politische Satiren im Vormärz

Heinrich Hoffmann hat nach dem „Struwwelpeter“ noch weitere Kinderbücher geschrieben („König Nussknacker und der arme Reinhold“; „Bastian der Faulpelz“; „Prinz Grünewald und Perlenfein mit ihrem lieben Eselein“ u.a.), außerdem verfasste er zwei politische Satiren: 1848 das „Handbüchlein für Wühler oder kurzgefasste Anleitung in wenigen Tagen ein Volksmann zu werden“ unter dem Pseudonym Peter Struwwel als „von der Revolution Enttäuschter. Statt gemeinsam für ein geeintes Deutschland zu kämpfen, bilden die Demokraten der Paulskirche politische Fraktionen, die sich untereinander bekämpfen.“ Daraufhin feierten ihn die konservativen Kreise als „Mann der Mitte“, was Hoffmann aber scheinbar nicht gefiel. 1849 schrieb er, „gewissermaßen als unparteiische Entschädigung und als Gegengift“, wie er selber meinte, „Der Heulerspiegel, Mitteilungen aus dem Tagebuch des Herrn Heulalius von Heulenberg“, in dem er die Ängste der Bürger und Aristokraten vor der Revolution aufs Korn nimmt.

1889 begann er mit der Niederschrift seiner Lebenserinnerungen, in denen der „Struwwelpeter“, sein erfolgreichstes Buch, nur etwa zehn Seiten einnimmt. Seine Tätigkeit als Arzt stand für ihn stets im Vordergrund.

Die Geschichten im Einzelnen

I. Vorspruch

Seit der 3. Auflage kündigt der Vorspruch das Buch als Belohnung für Wohlverhalten an. Die entsprechenden Verhaltensmuster stehen zum Teil im genauen Kontrast zu den nachfolgenden Geschichten (z.B. Suppe essen, still sein). „Lustige Geschichten und drollige Bilder“ verspricht der Untertitel, doch was folgt, sind eher grausige Geschichten von Verstümmelung, Krankheit und Tod. Was als Belohnung angekündigt ist, führt Strafritual und Schreckbilder vor.

Interessant ist, dass die bildnerische Gestaltung des Vorspruchs im Laufe der Zeit, wie alle Bilder des „Struwwelpeters“ eine Veränderung erfuhr. Hier sind die Veränderungen allerdings weniger aus ästhetischen Gesichtspunkten, als vielmehr aus politischen Gründen geschehen: Im Original hängen links und rechts neben dem Christkind im Rankenwerk ein Spielzeugsoldat, Säbel und Karabiner. In den ersten Nachkriegsversionen wurden diese typischen Accessoires des letzten Jahrhunderts weggelassen.

II. Struwwelpeter

Die Bezeichnung „Struwwelpeter“ für einen struppig-ungekämmten Burschen war im Rheinfränkischen schon im 10. Jahrhundert üblich. „Frankfurter Struwwelpeter“ musste sich Goethe in seiner Leipziger Zeit nennen lassen. Erst Heinrich Hoffmann hat den „Struwwelpeter“ allerdings aus seiner mundartlichen Verwendung herausgehoben und ihn zu einem allgemein bekannten Begriff, einem Typus gemacht.

Diese Figur eignete sich bestens für politische Absichten, denn Struwwelpeter, so wie ihn Hoffmann gezeichnet hatte, war ein kleiner Anarchist und Revolutionär. Bereits 1848 adaptierte ihn Dingelstedt in den „Fliegenden Blättern“ als gefährlichen Radikalen für eine Satire. Er wunderte sich, dass ein solches Buch, dessen Held „grüne Strümpfe trägt und hiermit Hoffnungen auf die Volkskraft mehr als deutlich bekundet“, ausgerechnet in Frankfurt, „unmittelbar unter der Nase des durchlauchtigsten Deutschen Bundes ungerochen“ erscheinen konnte.

Struwwelpeter als Deutscher Michel

Im Jahr 1849 erschien in Düsseldorf „Der politische Struwwelpeter. Ein Versuch zur Einigung Deutschlands“ von Henry Ritter. „Der garstige Michel“ will sich hier nicht von seinem Hemd mit den 39 Flicken, Symbol für die 39 deutschen Fürstentümer, trennen. Und auch im Ausland wurde er schon bald als Satire verwendet: „The political Struwwelpeter“ 1899 von Harold Begbie, London, nimmt die politischen Zustände im England der Jahrhundertwende aufs Korn. 1914 erschien ebenfalls in London der Struwwelpeter als „Swollen-headed William“, hinter der sich eine gepfefferte Kriegspropaganda gegen Deutschland verbarg. Kaiser Wilhelm steht in Struwwelpeter-Pose auf einem Podest, sein Kopf ist zu einem dicken Ballon aufgeschwollen, und von seinen Händen tropft Blut. In der „Story of Cultured William“ tötet Kaiser Wilhelm die Friedenstauben und zerbricht Stühle, die die Inschrift „treaty“ tragen.
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Deutschland reagierte auf diese Satire mit einer eigenen Kriegspropaganda: 1915 erschien „Der Kriegsstruwwelpeter – Lustige Bilder und Verse“ von Karl Ewald Olszewski. Jetzt wurden die Entente-Mächte zum Gegenstand der Spottverse: Der serbische Großfürst wird zum Bombenpeter, der russische Großfürst Nikolai ist der böse Friederich, der der Friedenstaube die Flügel ausreißt, und die französische Marianne mit Jakobinermütze entzündet mit dem „Revanche“-Feuerzeug einen Brand, in dem sie selbst umkommt. Während des Zweiten Weltkrieges kam 1941 in London der „Struwwelhitler“ mit gewaltiger schwarzer Haarmähne und blutigen Händen heraus. Bis heute setzt sich die Reihe der „Verstruwwelpeterung“ politischer Vorgänge fort: Von Konrad Adenauer („Konrad, sprach Germania…“) über Richard Nixon („Tricky Dick and his Pals“) bis hin zu politischen Wahlkämpfen, z.B. gegen die FDP in Schleswig-Holstein 1977, als Struwwelpeter die Züge von Walter Scheel, Genscher, Brandt oder Wehner trug. „Man gebrauchte die Struwwelpeter-Figur als Folie, hatte es dann leichter, fußend auf .ihrem Renomée, den Gegner ins Visier zu bekommen. (…) Das Rezept wird noch heute (…) benutzt: Stell den Gegner auf das Struwwelpeter-Podest und dichte ihm deine Kritik an.“

III. Die Geschichte vom bösen Friederich

Die Geschichten des „Struwwelpeters“ wurden im Laufe der Zeit sehr oft psychoanalytisch auseinandergenommen. Besonders hervorgetan hat sich auf diesem Feld der Psychologe Georg Groddeck, der von 1918 bis 1930 mehrere Essays darüber verfasst hat. Es lässt sich darüber streiten, inwieweit Hoffmann die psychologischen Symbole, die in den Geschichten gefunden wurden, bewusst eingebaut hat. Groddeck selbst sagt hierzu: „Während man bei Goethe und Dürer annehmen muss, dass ihnen die Macht des Unbewussten bekannt war, dass sie ihr Dichten, Denken und Schaffen mit diesem Wissen durchtränkt und erweitert hatten, kann man wohl von dem Schöpfer des „Struwwelpeter“, dem Arzt Hoffmann, mit einiger Sicherheit sagen, dass ihn in seinem Denken unbewusste Kräfte geleitet haben.“ 

Beispielhaft möchte ich hier Groddecks Ausführungen zur Geschichte vom bösen Friederich vorstellen. Dass Friederich Vogel und Hahn tötet, den Käfig zerbricht und der Fliege die Flügel ausreißt, also äußerst sadistisch ist, deutet er als Impotenzkomplex. Der durch seinen Konflikt mit der Moral getötete Sadismus sei nach seiner psychoanalytischen Erfahrung mit die wichtigste Ursache für Impotenz: „Je gründlicher das Beiseiteschieben dieser sogenannten perversen Neigungen geschah, desto sicherer kommt es zur Unfähigkeit im Geschlechtsverkehr.“

In der sich (vor allem in der endgültigen Druckfassung) ständig wiederholenden und scheinbar unmotiviert erscheinenden Treppe sieht Groddeck eine Geschlechtssymbolik. Treppensteigen bedeute Beischlaf und kehre in Träumen, Dichtungen, Zeichnungen und Liebessymbolen der alten Götter immer wieder.

Der Brunnen, aus dem der Hund trinkt, habe etwas an sich, „was das kindliche Leben besonders angeht“: das Urinlassen, ein frappierendes Faszinosum für kleine Kinder – die weiße Flüssigkeit der Milch verwandelt sich in die gelbe des Urins. Der Hund, Bewachter und Schützer des Hauses, stehe für den Vater. Er straft schließlich Friederich für die Untaten, die er allen angetan hat. Doch damit nicht genug: Als der Junge krank im Bett liegt und der Doktor ihm bittere Medizin gibt, sitzt der Hund unten am Tisch und isst. Die Peitsche, Symbol der väterlichen Macht, hat er bei sich. „Kuchen, Wurst, all das führt wieder auf die Mutter. Von ihr bekommt das Kind die Nahrung, sie bereitet alles zu. Diese Freuden, die eigentlich Für das Kind bestimmt sind, eignet sich der Hund an, der eigentlich der Vater ist. In dieses Gedicht spielen wieder Dinge hinein, die mit dem Inzestgedanken zusammenhängen, die aufs innigste verbunden sind mit unseren Erkrankungsformen und unseren Lebensformen.“

Hoffmann habe nach Groddeck den „Sadismus als Krankheitsursache“ in die Geschichte heroingebracht, weil sadistische Neigungen tatsächlich eine große Rolle für unsere Krankheiten spielen: Nicht nur ein Biss ins Bein kann die Folge von Sadismus sein, sondern sogar Impotenz ist zu befürchten. In diesem Fall ist Friederich mit Sicherheit nicht impotent, denn er lebt seine so genannten perversen Neigungen aus. Bestraft werden muss er aber, der bürgerlichen Moral entsprechend, trotzdem.

IV. Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug

Paulinchen ist die einzige weibliche Gestalt in Hoffmanns Buch, Mädchen galten zu seiner Zeit ohne Frage folgsamer als Jungen. Dieses Mädchen ist allerdings nicht brav. Die Abwesenheit der Eltern macht sie alles andere als ängstlich, sie hüpft und springt. „Unkontrollierte und lebhafte Motorik wird aber von Hoffmann nicht positiv bewerten“, was auch an der Geschichte vom Zappel-Philipp deutlich wird. Paulinchen wird als leichtsinnig und der typischen Mädchenrolle nicht entsprechend dargestellt. Die Puppe, mit der ein Mädchen traditionell spielt, um sich auf ihre künftige Mutterrolle vorzubereiten, wird im Laufe der Geschichte zunehmend uninteressanter und rückt in den Hintergrund.

Das ganze Interesse von Paulinchen wird vom Feuerzeug angezogen. Zündhölzer waren für Kinder Mitte der 1840er Jahre noch neu und reizvoll. Paulinchen will die Funktion der Zündhölzer ausprobieren, allerdings weniger, um ihre Mutter nachzuahmen, als vielmehr aus Lust, ganz im Gegenteil zur „bürgerlich-utilitaristischen Verhaltensweise“. Es ist für sie nicht mehr als ein „trefflich Spielzeug“.

Die beiden Katzen warnen Paulinchen vor der Gefahr, stellen sozusagen die Stimme ihres Gewissen dar. Die Abwesenheit der Eltern kann als die Bewährungssituation für das bürgerliche Individuum gelten, in der sich zeigt, inwieweit die Innensteuerung des Verhaltens schon funktioniert. Doch Paulinchen lässt sich nicht von den Warnungen der Katzen irritieren, sie ist „skrupellos“. Die Katzen sind somit, anders als der Hund bei Friederich, zu Macht- und Einflusslosigkeit verdammt. Ihr wiederholtes Miau-Mio erinnert an den antiken Chor, wie er auch in Schillers „Braut von Messina“ auftaucht. Der Chor, bzw. die Katzen können der leidenden Heldin nicht helfen, denn „die Heldin muss leiden, weil sie in der Auflehnung gegen menschliche oder göttliche Autorität Schuld auf sich lädt.“ Durch die Übertragung in das häuslich-familiäre Milieu persifliert Hoffmann dieses klassische Muster, das Miau-Mio-Geschrei erinnert zudem an Katzenmusik und gibt dem Ganzen eine weitere satirische Note. Trotz aller Warnungen nimmt das Unglück unweigerlich seinen Lauf, „die nicht gerade wahrscheinliche Wendung ist scheinbar unvermeidlich.“

Die Strafe ergibt sich bei Paulinchen ähnlich wie bei Friederich nicht durch Eingreifen der Eltern, sondern aus dem selbstverschuldeten Geschehen heraus. Paulinchens Zerstörung wird knapp und lakonisch beschrieben. Die letzte Szene, die auf die Tat und die Bestrafung folgt, malt Hoffmann dagegen weidlich aus: Die Katzen tragen in der endgültigen Druckfassung Trauerschleifen um ihre Schwänze und weinen in Taschentücher. Auch das stumpfe Versmaß deutet darauf hin: Das Spiel ist aus. Hoffmann „hebt die Grausamkeit der Bestrafung nicht auf, sondern beugt eventuellem Mitleid vor. Statt der verhöhnten Trauer soll Schadenfreude aufkommen, das er sich offen jedoch nicht auszusprechen wagt.“

V. Die Geschichte vom schwarzen Buben

Auf den ersten Blick erscheint diese Geschichte erstaunlich liberal im Vergleich zu den anderen Geschichten im „Struwwelpeter“, werden doch hier drei Buben, die einen Schwarzen auslachen, bestraft. Genau betrachtet steckt allerdings nichts weiter als die bürgerliche Moral des letzten Jahrhunderts dahinter: Der kleine Mohr kann ja nichts dafür, dass er schwarz und damit anders als die anderen Kinder, anders auch als die kleinen Leser des Buches. Dass Schwarz-sein eine Strafe ist, zeigt sich auch in der Bestrafung, die ein überdimensionaler Nikolaus vollzieht: Die kleinen Hänsler werden in ein schwarzes Tintenfass gesteckt und sine hinterher noch schwärzer als der Mohr. Die bürgerliche Toleranzforderung war ohnehin nie eine wirkliche Gleichberechtigkeitsbestrebung der Völker und Rassen.

Ambivalent ist, dass die Buben für ein Verhalten bestraft werden, das Hoffmann gerade bei der ersten Geschichte vom „Struwwelpeter“ als vorbildlich propagiert hat: das Auslachen von anders aussehenden Menschen. Die gestische Statik der Jungen bei der Bestrafung „verschärft den phantastisch-irrealen Charakter der Geschichte und nimmt dem Strafakt die Bedrohlichkeit einer realistischen Darstellung.“ Die gesamte Geschichte wirkt eher surreal-lächerlich als eindringlich warnend, und so muss auch Hoffmanns scheinbare Absicht in Frage gestellt werden, Toleranz zu üben.

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VI. Die Geschichte vom wilden Jäger

Diese Geschichte fällt am meisten aus dem Zusammenhang des Buches heraus: Kam schon der Mohr der vorherigen Geschichte in der Umgebung des bürgerlichen Kindes um 1845 wahrscheinlich nicht vor, so spielt diese Geschichte gar nicht im kindlichen Milieu. Es ist keine Geschichte über ein unartiges Kind, sondern über eine „verkehrte Welt“, ein sehr beliebtes Motiv im Volksgut. Hier wird die Autorität, der Jäger scheinbar straflos verhöhnt und sogar besiegt, der Schwächere, der Hase triumphiert. Ein Anklang vom „Anti-Struwwelpeter“ steckt in dieser kurzen Geschichte, wenngleich mehrere Aspekte diese Wirkung sogleich zurücknehmen: Erstens ist der Jäger bebrillt, in der satirischen Literstur ein Zeichen für einen meist pedantischen, ängstlichen Menschen, also keine wirklich ernst zu nennende Autoritätsfigur. Zweitens siegt der Schwache nur in der verkehrten Welt, also ist im. Umkehrschluss der Sieg des Stärkeren normal. Und drittens ist c’er antiautoritäre Triumph nur eingeschränkt, schließlich kann sich der Jäger retten, und die Rebellion fällt auf den Schwächsten, das kleine Hasenkind, zurück.

VII. Die Geschichte vom Daumen-Lutscher

Diese Episode führt die härteste Repression vor, und zwar gegen das harmloseste Verhalten. Konrads Daumenlutschen gefährdet oder verletzt nichts und niemand, und trotzdem untersteht er schärfster Sanktion. Das deutet auf die sexuelle Anspielung des Daumenlutschens. Sexualität, vor allem die kindliche, ist mit einem Tabu belegt. Die Mutter, bei der die Lust nachhaltig ausgetrieben wurde, gibt ihre Sexualverdrängung an ihren Sohn weiter und droht mit dem Abschneiden der Daumen, psychologisch eine Kastrationsdrohung, um euch ihn „auf Linie zu bringen“. „Die Härte der Sanktion lässt dabei die Anstrengung ermessen, die solche Sexualverdrängung gekostet hat, deutet auf die zentrale Stelle, die Konrads „Verfehlung“ und alles, wofür sie steht, im Katalog bürgerlicher Kindersünden einnimmt.“ Das Daumenlutschen kann aber nach Freud nicht nur als sexuelle Tätigkeit verstanden werden, sondern auch simpler und sehr spezifisch „als Tröstung, als Ersatz für das Saugen an der Brust nach der Trennung von der Mutter.“ Und tatsächlich nimmt Konrad den Daumen zur Tröstung, nachdem die Mutter ihn, wohl zum wiederholten Mal, alleingelassen hat. Dass dieses natürliche Verhalten so rigide bestraft wird, „lässt sich nun psychologisch allein nicht mehr erklären; man muss dies Verbot vielmehr als gesellschaftlichen Druck verstehen, als eine erste und zugleich grausamste Form (der) Triebunterdrückung, die (…) den Kern aller bürgerlich-autoritärer Sozialisation bildet“ und so zum angepassten, untertänigen Staatsbürger führt. Exemplarisch wird hier gezeigt, wie der Konflikt zwischen kindlichen Triebwünschen und elterlichem Verbot zum Konflikt zwischen Trieb und Gewissen verinnerlicht wird. Es ist sozusagen „ein sehr gerafftes und einprägsames, nahezu modellhaftes Psychogramm der klassischen bürgerlichen Erziehungssituation: Frustration, Ersatzbefriedigung und traumatische Strafangst“ auf der Seite des Kindes und „Lustfeindlichkeit und sadistischer Strafimpuls“ auf der des Erwachsenen.

VIII. Die Geschichte vom Suppenkaspar

Anders als in den anderen Geschichten wird hier nicht ein unartiges Kind gegen die artigen Kinder, die das Buch lesen, ausgespielt, sondern der Gegensatz spiegelt sich in einer Person wider. Kaspar wird zunächst als Musterknabe dargestellt, getreu dem Motto vieler Eltern noch heute, nur ein kugelrundes Kind sei ein gesundes Kind. „Sein Aussehen und seine Befindlichkeit sind Folge seines Gehorsams beim Essen.“

Doch plötzlich weigert sich Kaspar, scheinbar ohne Grund, seine Suppe zu essen. Vielleicht möchte er etwas Besseres essen, worauf aber nicht eingegangen wird. Mit der dreimaligen Wiederholung seiner Weigerung erscheint er starrsinnig. Damit wird jede Identifikation der Leser mit Kaspar unterbunden, „dem ist nicht zu helfen.“ Der Protest geht allerdings ins Leere, es zeigt sich keine Ansprechperson. So spitzt sich die Situation dramatisch zu. Die „Todesdrohung soll disziplinierend wirken, wobei die Logik der „natürlichen Folge“ (wer nicht isst, stirbt) durch schlichte Übertreibung zur Täuschung wird (keiner stirbt, der vier Tage gefastet hat).“

IX. Die Geschichte vom Zappel-Philipp

Auch diese Geschichte hat das Essen als Thema, Essen aber nicht des Essens wegen, sondern als Erziehung zum Gehorsam. Dargestellt wird das Ritual der bürgerlichen Mahlzeit in der Kernfamilie: Der Vater ermahnt den Sohn, der sich – nun erst recht – bewusst widersetzt. Hierin unterscheidet Philipp sich von den anderen Kindern im „Struwwelpeter“, er rebelliert offen gegen die väterliche Autorität. Anscheinend handelt es sich um einen längeren Konflikt zwischen den beiden, dem die Mutter als Mittlerin nichts entgegenzusetzen hat. Überhaupt ist sie in dieser Geschichte eher schmückendes Beiwerk, spielt aber eigentlich keine Rolle, was der „Inferiorität der bürgerlichen Frau“ entspricht, „die an familiären Auseinandersetzungen zwar nicht unbeteiligt, aber ohne direkt einzugreifen teilnimmt.“

Der Konflikt zwischen Vater und Sohn spitzt sich zu, die Strenge auf der einen, der Trotz auf der anderen Seite treiben sich gegenseitig an und machen einen Zusammenstoß unvermeidbar. Als Philipp tatsächlich vom Stuhl kippt, zeigt sich in seinein Gesicht aber nicht nur Schrecken. Sein erhobener Kopf und vorgerecktes Kinn drücken auch Triumph aus. Die Leserinnen des Buches, die im Text als „liebe Kinder“ angesprochen werden, sollen sich nicht mit dem „wilden“ Philipp identifizieren.

Der Vater ist nun aus der Fassung gebracht, die selbstverständliche Überlegenheit der Erwachsenen ist gestört. Von Philipp ist nicht mehr die Rede, er liegt unter dem Tischtuch wie unter einem Leichentuch. Seine Gefühle oder Schmerzen bleiben ausgeblendet, die Eltern sind die alleinigen Geschädigten. Ebenso bleibt die Strafe unerwähnt, sie bleibt der kindlichen Phantasie überlassen. Die Übertreibung, die Eltern hätten „nichts zu essen mehr“, macht deutlich, dass der Vorfall für die Zerstörung der gesamten bürgerlichen Ordnung steht. Der Zappel-Philipp symbolisiert den Anarchisten, der an den Grundfesten seiner Eltern rüttelt. Er setzt das, was der Struwwelpeter begonnen hat, ins Extreme fort.

Der Ausdruck „Zappel-Philipp“ ist mittlerweile ein psychologischer Terminus für hyperaktive Kinder, die sich selbst und anderen mit ihrem Bewegungsdrang und ihrer Unfähigkeit zur Konzentration gefährden. Nach möglichen Ursachen für dieses Verhalten, z.B. fehlende Liebe oder Unglücklichsein, fragt Hoffmann nicht, er verurteilt nur.

X. Die Geschichte von Hans Guck-in-die-Luft

Hans repräsentiert den Archetypus des Träumers, der sich den Anforderungen der neuen veränderten Umwelt nicht gewachsen zeigt. Er ist der Romantiker in der beginnenden Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts. Hofmann erzählt in seinen Lebenserinnerungen, dass er selbst einmal selbst ein Träumer war, sehr zum Missfallen seines Vaters. Dieser erstellte den kleinen Heinrich einen detaillierten Stundenplan, nach dem dieser seine Tage zu verbringen hatte, um „nicht unterzugehen in der Fluth des alltäglichen gemeinen Lebens.“ Obwohl er anfangs wohl widerstrebte, meinte er später, er habe es „nur der unerbittlichen Strenge der Vaters zu verdanken, dass aus mir doch noch etwas Rechtes geworden sei.“

Hoffmann verurteilt daher Hans entschieden, die bürgerliche Lebensform mit ihren Wertsetzungen wird an keiner Stelle angezweifelt. Hans wird von allen verspottet, selbst die Fische lachen ihn aus, denn wer sich nicht auf des Alltägliche konzentriert, fällt unweigerlich auf die Nase. „Sein Scheitern und Fallen ist das konkret aufgefasste und so ins Komische gewendete Scheitern eines Menschen, der unfähig zur Beschränkung auf das Nächstliegende ist, aber auch nicht den Mut findet, den vorgeschriebenen Weg zu verlassen.

XI. Die Geschichte vom fliegenden Robert

Im Gegensatz dazu steht Robert, der sich ebenfalls den bürgerlichen Ratschlägen widersetzt und bei Wind und Wetter nicht in der Geschützten Stube bleibt, sondern sich in das ganz und gar unbürgerliche Abenteuer stürzt. Doch anders als Hanns, der in seiner träumerischen Unentschiedenheit nur untüchtig und lächerlich wirkt, kann Robert imponieren. Hier zeigt sich nicht nur Hoffmanns pädagogische Missbilligung, sondern auch Bewunderung und eine verdrängte Sehnsucht nach dem Unbekannten. Nicht ohne Grund bleibt sein Schicksal offen: Er fliegt und verwirklicht damit einen der ältesten Träume der Menschheit, Robert verschwindet einfach im Himmel und wurde nie mehr gesehen. Dies kann eins Warnung sein oder ein Vorsprechen. Hier endet dieses Kinderbuch. Der Phantasie des Kindes bleibt es offen, die Geschichte weiterzudenken.

Nachahmer

Bei dem großen Erfolg des Buches „Der Struwwelpeter“ konnte es nicht ausbleiben, dass es schon sehr bald etliche Bücher auf dem Markt gab, die das Konzept nachahmten. Die meisten dieser Nachfolger machten allerdings „mit Struwwelpeter kurzen Prozess. Der Schmutzfink und Querulant wird der menschlichen Gesellschaft mit Gewalt zugeführt.“ Bereits 1864 gab es das erste weibliche Gegenstück, „Die Schreiliesel. Eine lustige und lehrreiche Geschichte für Kinder von •+•- 8 Jahren von Doktor Ernst“. Selbst der Doktor-Titel auf dem Titelblatt wurde imitiert, und die Geschichten wurden durch je ein koloriertes Bild geziert. Die Geschichte selbst, die erzählen, „Wie die Schreiliesel allein gehen will und fällt“ oder „Wie das Schreiliesel seine Milch nicht trinken will“ waren allerdings weitaus drastischer, als es Hoffmann je war: Da packt der Vater das Schreiliesel, das sich nicht waschen will, und taucht es in einen Holzzuber oder kehrt seine Spielsachen aus, wenn es sie nicht aufräumen will. 1870 erschien „Die Struwwelliese“, die es immerhin zu einigem Erfolg brachte: 1896 feierte sie die 40. Auflage und ist noch heute in den Buchläden zu finden. Die Geschichten von der mutwilligen Liesel, die ihre Puppe zerstört, von der naschhaften Liesel, die an Marmelade und Geburtstagskuchen nascht oder der schlafmützigen Liesel, die am Morgen nicht aus dem Bett kommt, stehen ganz im Zeichen einer drastischen Prügelpädagogik. „Im Unterschied zu seinen Nachahmern hat Heinrich Hoffmann auf eine einseitige Betonung von Anpassung und Disziplinierung verzichtet. Die von ihm geschilderten Bestrafungen sind – abgesehen vom Daumenschneiden – lediglich Konsequenzen kindlichen Handelns als quasi Naturgesetzlichkeiten, die die Kinder vor realen Gefahren warnen sollten.“ Natürlich gab es auch früh schon „Anti-Struwwelpeter“, die sich gegen jegliche Art der Reglementierung jugendlicher Freigeister wehrten. Fritz Stern brachte 1914 „Der Struwwelpeter von heute, ein Bilderbuch für die Großen“ heraus. Hier wird der Struwwelpeter als Symbol für den „natürlichen Menschen“ der Jugendbewegung und Neuromantik entworfen. Das Symbol der gestutzten Welt, die Schere, ist zerbrochen, der Struwwelpeter ist der Freund der Tiere und freut sich „an der Gottesnatur“. 1970 gab es einen erneuten Versuch, den Struwwelpeter von der verhassten Schwarzen Pädagogik zum antiautoritären Erziehungsmuster umzugestalten. Friedrich Karl Waechter drehte den Spieß um: Die Eltern werden als repressive Erzieher gebrandmarkt, und die Kinder werden mehr oder weniger direkt zum Kampf gegen die Autoritäten aufgerufen, was denn auch scharfe Kritik hervorrief. Trotzdem war dieses Buch mehr etwas für antiautoritär denkende Eltern als für ihre Kinder. Bis in unsere Zeit hinein gab und gibt es aber immer wieder Nachahmer, die selbst den gleichen bürgerlichen Tugendkanon lehren wollen. Keines der Bücher der „Struwwelpetriaden“ konnte allerdings mit dem Original mithalten.

Gründe für den Erfolg

Um die Gründe für den anhaltenden Erfolg dieses Kinderbuches aus der Mitte des letzten Jahrhunderts herausfinden zu können, muss zwischen den Gründen, die ihm zum Erfolg verhalfen, und den Gründen, die es noch heute so populär machen, unterschieden werden. Einer der Hauptgründe für den anfänglichen Erfolg wird sein neuartiger Stil gewesen sein. Hoffmann, der schriftstellerische Dilettant, hatte ein neues Genre geschaffen. Zuvor gab es das mit Illustrationen versehene Geschichtenbuch, das Bilder-ABC und die erweiterte Bildenzyklopädie für Kinder. Erst Hoffmann dachte daran, Bilder nicht nur zur Zierde einzusetzen, sondern Text und Bild zu einer Einheit zu verbinden. Die Bilderfolgen konnten auch von einem sehr kleinen Kind wie ein Comic oder ein Stummfilm „gelesen“ werden. Die flächenhafte Zeichentechnik, die Hoffmann als Laien auszeichnete, ermöglichte dem Kind, durch eigene Vorstellungen die bildnerischen Ansätze zu vervollständigen. Dieser Vorteil wurde allerdings in der noch heute gültigen Druckfassung von 1881 geändert, als die Bilder komplett ausgemalt und ausgeschmückt wurden. Hoffmann setzte auch in stilistischer Hinsicht ein Novum: Waren die traditionellen Kinderbücher entweder sentimental oder lehrreich, so war der „Struwwelpeter“ in vielen Augen herb-humoristisch. Die Verse waren so einprägsam, dass einige Teile aus dem Struwwelpeter mittlerweile geflügelte Worte geworden sind, wie „Abzählreime, über deren Inhalt auch keiner nachdenkt.“ In der Literaturwissenschaft wird er wegen dieser Neuerungen auch „Kopernikus der Kinderliteratur“ genannt. „Der Inhalt (kam) den verbreiteten pädagogischen Vorstellungen von der bedingungslosen Unterwerfung des jungen Menschen unter den Tugendkatalog der Gesellschaft entgegen, ja er schien diesem zu entsprechen.“ Das sprach vor allem die Käufer des Buches, Eltern und Erzieher an. Aber auch die Kinder schienen früh ihren Gefallen an dem Buch zu finden. Sie waren es nach Hoffmanns Aussagen auch, die das Buch mit dem langen Titel auf „Struwwelpeter“ abkürzten, bevor es dann in der Druckfassung übernommen wurde. Die Kinder machten durch die Geschichten Phantasie-Erfahrungen, die ihnen die Erfahrungen am eigenen Leib ersparen konnten. Sie mussten sich aber nicht zwingenderweise mit den kleinen Übeltätern identifizieren, sie konnten meist immer noch sagen: „SO böse bin ICH ja nicht!“ Auch heute noch wird das Buch gekauft, und es sind immer noch die Eltern und Erzieher, die es an die Kinder bringen. Heute allerdings weniger, weil es die bürgerliche Erziehung zum Thema hat, sondern vielmehr, um dem Kind ein klassisches Stück deutscher Kinderliteratur zu schenken. Kinder fühlen sich noch immer von dem Buch angesprochen durch die Surrealität der Hoffmann’schen Figuren, „die die Geschichten aus dem direkten Bezug zur kindlichen Alltagswelt herausheben und in den freien Raum einer Phantasiewelt stellen.“ Dazu tragen die überzogenen, beinah karikierenden Geschichten selbst bei, die altmodische Kleidung und veralteten Settings, aber auch die lakonischen Texte. Kritik an Hoffmanns „Struwwelpeter“ richtete sich, abgesehen von der Kritik am überholten Erziehungskonzept, im Laufe der Zeit immer wieder dagegen, dass die Kinder von den schlechten Beispielen verdorben und erst angeregt würden, die „Struwwelpeter“-Figuren zu imitieren. Andere Kritiker protestierten gegen die „Grausamkeit der Bestrafungen“ und die „Intensität der schreckerregenden Bilder, die sensiblen Kindern ein Trauma bereiten könnten“. Der langanhaltende Erfolg des Hoffmann’schen Kinderbuches spricht allerdings für sich. Doch es gibt auch ganz andere Ansätze: Georg Groddeck, der den „Struwwelpeter“ als psychoanalytisches Lehrbuch vorschlug, schrieb: „Oh Hoffmann, du Weisester aller Weisen, die Menschen glauben, du hättest ein Bilderbuch für Kinder gemacht, und hast doch das Hohe Lied des Unbewussten für die Großen gedichtet und gemalt.“ In allen Geschichten „sind die Kinder ganz normal agierende, trotzige, sich selbst und ihre Widerstandskraft ausprobierende Kinder“, die Eltern sind es, die versagen. Vielleicht, vermutet Elke Heidenreich, „haben sich deshalb so viele Pädagogen immer wieder so erbittert gegen den Struwwelpeter gewandt: Ihr Ideal vom artigen Kind, das nur mit Strenge zu erreichen ist, gerät bei Hoffmann ordentlich ins Wanken.“ Vielleicht war das Buch tatsächlich als Karikatur auf die bürgerliche Erziehung gemeint? Schließlich hatte sich Heinrich Hoffmann schon in seiner Jugendzeit als Witzbold und Satiriker hervorgetan. In diesem Fall wurde der „Struwwelpeter“ allerdings oft und gern missverstanden und genau im konträren Sinne über 150 Jahre lang gebraucht…

Literatur

G.A.E.Bogeng, „Der Struwwelpeter und sein Vater. Geschichte eines Bilderbuch“ Potsdam 1937

Klaus Doderer, Helmut Müller (Hg), „Das Bilderbuch. Geschichte und Entwicklung des Bilderbuchs in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart“, Weinheim/Basel 1973

Klaus Doderer, „Klassische Kinder- und Jugendbücher. Kritische Betrachtungen“, Weinheim/Basel 1975

Klaus Doderer (Hg), „Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur“, 1. Band, Pullach 1975

Georg Groddeck, „Der Struwwelpeter (1918-1930); in: Winfred Kaminski,

Klaus Ulrich Pech (Hg), „Kinderliteratur und Psychoanalyse“, Beiheft 19 zum Bulletin Jugend und Literatur, Hardenbek o.J.

Elke Heidenreich, „Mein Struwwelpeter“, in: Heinrich Hoffmann, „Der Struwwelpeter“, nach der Urfassung 1938 neu gezeichnet und in Holz geschnitten von Fritz Kredel, Frankfurt a.M. 1995

G.H.Herzog, Helmut Siefert (Hg), „Struwwelpeter-Hoffmann. Texte, Bilder, Dokumente, Katalog“, Frankfurt a.M. 1978

Heinrich Hoffmann, „Der Struwwelpeter“, nach der Urfassung 1938 neu gezeichnet und in Holz geschnitten von Fritz Kredel, mit einem Essay von Elke Heidenreich, „Mein Struwwelpeter“, Frankfurt a.M. 1995

(Heinrich Hoffmann), „Der Struwwelpeter in seiner ersten Gestalt“, Leipzig o.J. (1933)

Christa Hunscha, „Struwwelpeter und Krümelmonster. Die Darstellung der Wirklichkeit in Kinderbüchern und Kinderfernsehen“, Frankfurt a.M. 1974

Winfred Kaminski, Klaus Ulrich Pech (Hg), „Kinderliteratur und Psychoanalyse“, Beiheft 19 zum Bulletin Jugend und Literatur, Hardenbek o.J.

Marie-Luise Könneker, „Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“. Untersuchungen zur Entstehungs- und Funktionsgeschichte eines bürgerlichen Bilderbuches“, Stuttgart 1977

Helmut Müller, „Struwwelpeter und Struwwelpetriaden“, in: Klaus Doderer,

Helmut Müller (Hg), „Das Bilderbuch. Geschichte und Entwicklung des Bilderbuchs in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart“, Weinheim/Basel 1973

Dieter Richter, Jochen Vogt (Hg), „Die heimlichen Erzieher. Kinderbücher und politisches Lernen“ Reinbek 1974

Klaus Schüttler-Janikulla, „Struwwelpeter-ABC für Erwachsene“, Frankfurt a.M. 1988

Elke und Jürgen Vogt, „“Und höre nur, wie bös er war“. Randbemerkungen zu einem Klassiker für Kinder“, in: Dieter Richter, Jochen Vogt (Hg), „Die heimlichen Erzieher. Kinderbücher und politisches Lernen“ Reinbek 1974

./., „Struwwlpeter-Hoffmann. Ausstellungskatalog zum 150. Geburtstag Heinrich Hoffmanns (13.6.1959), Frankfurt a.M. 1959

./., „Das Manuskript des Struwwelpeter von Dr. Heinrich Hoffmann“, hrsg. vom Germanischen National Museum, Frankfurt a.M. o.J,

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Birgit Köhler

Journalistin
Historikerin
Lyrikerin
aus Bremen