Lange Haare statt Führerschnitt – Bremer Swing-Jugend im Dritten Reich

Vorwort

Spurensuche

Warum die Nazis Jazz nicht mochten

Der Bremer Versuch, Jazz zu verbieten

Warum es kein reichsweites Verbot gab

Was sich die Nazis sonst noch ausdachten

Treffpunkte der Swing-Kids

„Verfolgung“ in Bremen

Vorwort

Als ich 1992 mein Geschichtsstudium in Hamburg begann, stolperte ich gleich zu Anfang über ein Buch mit dem Titel „Swing Heil! Jazz im Nationalsozialismus“ von Bernd Polster. Ich mochte von Kindheit an Jazz, konnte mir aber nicht vorstellen, dass die Nationalsozialisten mein Urteil über die manchmal doch etwas schräge Musik teilten. Deshalb las ich das Buch sehr interessiert. Natürlich mochten sie die sogenannte „Niggermusik“ nicht – aber was mich wirklich erstaunte, war, dass es auch im Dritten Reich Jugendliche gab, die jenseits von Hitler-Jugend und militärischem Drill diese lebenslustige Musik zu einem zentralen Teil ihres Lebens machten – trotz oder gerade wegen ihrer „staatsfeindlichen und wehrkraftzersetzenden Tendenzen“. 

Einiges von dem, was ich für mich herausfand und heute hier vorstellen möchte, wird den Älteren unter Ihnen bekannt sein. Vielleicht wundern Sie sich, dass ich es erwähnenswert finde – aber in den Schulen wird heute noch ein sehr monolithisches Bild vom Dritten Reich vermittelt, das ich hiermit aufbrechen möchte. Im Unterricht wird immer noch der Eindruck vermittelt, dass alles und jeder in Deutschland damals im Gleichschritt marschierte oder bei Weigerung ins Konzentrationslager gesteckt wurde. Daneben oder dazwischen gab es, folgt man den Schulbüchern, nichts oder doch nichts Nennenswertes.

Zu entdecken, dass es zwischen Hitler-Jugend und Weißer Rose auch „ganz normale“ Jugendliche gab, die, genau wie die Jugend heute, keine Lust auf Uniform und Militär hatten, die aber gar nicht unbedingt weiter dachten, die „nur“ ihren „Spaß haben“ wollten – das zu entdecken war für mich am Anfang meines Studiums der Antrieb, in dieser Richtung weiter zu forschen. Ich wurde fasziniert von dem bunten Treiben der Swing-Jugend im Berlin und Hamburg der dreißiger und vierziger Jahre. Und ich fand bald heraus, dass gerade die Hamburger „Szene“ in den letzten Jahren durch etliche Autobiographien und mehr oder weniger wissenschaftliche Bücher gut erforscht worden war. 

Spurensuche

Als ich 1994 an die Bremer Universität wechselte, versuchte ich Ähnliches auch hier zu entdecken. Schließlich war auch Bremen eine Weltstadt mit dem typischen hanseatischen Dünkel, der in der Hamburger Swing-Jugend wahre Blüten getrieben hatte. Außerdem hatte ich gehört, dass Bremen alles andere als eine Hochburg der Nationalsozialisten gewesen war. Doch in der Standardliteratur über die Bremer Geschichte fand ich nichts über Swing-Jugendliche oder ähnliches. Schließlich stieß ich eines Tages, eher per Zufall, auf die Arbeit des Bremer Journalisten Jörg Senkpeil, der Anfang der neunziger Jahre für Radio Bremen einige Feature über die Bremer Swing-Jugendlichen gemacht hatte.

Mit seiner Hilfe begann ich nun die Spurensuche nach Zeitzeugen, denn diese Geschichte lebt nur durch die Erinnerungen der Überlebenden. Im Bremer Staatsarchiv gab es nur sehr wenige Akten, die sich in irgendeiner Weise mit dem Phänomen Swing-Jugend oder Swing-Musik befassten. Das sollte aber nicht heißen, dass es so etwas in Bremen nicht gegeben hätte. Über Kontakte zur Bremer Jazz-Szene und angeregt durch einen Artikel im Weser Kurier im Sommer 1997 über meine Magister-Arbeit meldeten sich über dreißig Männer und Frauen, die mir ihre Erinnerungen an ihre Jugendzeit in Bremen im Dritten Reich schilderten.

Ergänzt durch Zeitungsnotizen aus den Bremer Nachrichten zwischen 1933 und 1945, hatte ich schließlich genug Material gesammelt, um mir ein Bild machen zu können, wie es denn damals hier in Bremen ausgesehen hat – wo man hinging, um sich zu amüsieren, und was den Jugendlichen so alles einfiel, um ihre geliebte Musik zu hören und nach ihr zu tanzen.

Warum die Nazis Jazz nicht mochten und was sie dagegen unternahmen

Die Nationalsozialisten hatten bereits vor 1933 den „Niggerjazz“ angegriffen und bekämpft, wo sie konnten. Für sie war er ein ideales Demonstrationsobjekt für etwas Fremdes, das die deutsche Kultur unterwandere. Es entsprach nicht der nationalsozialistischen Ordnung, war individualistisch und international, anarchistisch in den Tönen und demokratisch im Zusammenspiel der Musiker. 1930 sprach sich der thüringische Volksbildungsminister, der Nationalsozialist Wilhelm Frick, für die „Unterbindung“ der „Zersetzungserscheinungen“ und „fremdrassigen Einflüssen“ aus, die „auf fast allen kulturellen Gebieten“ zu spüren sei, darunter auch „Jazzband und Schlagzeugmusik, Negertänze, Negergesänge (und) Negerstücke“. So war es nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kein Wunder, dass schon im Herbst 1933 ein Jazzverbot in allen deutschen Jugendherbergen ausgesprochen wurde. Selbst der Swing, der ab Mitte der dreißiger Jahre nach Deutschland kam und, im Vergleich zu manchen anderen Jazzstilen wie dem Hot, recht melodisch und konventionell war, wurde von den Nationalsozialisten abgelehnt. Bis 1945 folgten zahlreiche weitere Verbote bezüglich der Jazzmusik und des Swingtanzes. Allerdings wurden nur regionale Verbote verhängt – dass es im Dritten Reich ein reichsweites Jazzverbot gegeben haben soll, ist ein Gerücht, das sich bis heute hält. Die „Swingtanzen verboten“-Schilder in den Tanzsälen, an die sich viele Zeitzeugen erinnern können, wurden zwar von den Gastwirten auf Druck und mit ausdrücklicher Erlaubnis von Berlin aufgehängt, aber nicht aufgrund eines allgemeinen Verbotes. Erst nach Stalingrad 1942 wurde ein generelles und dauerhaftes Tanzverbot erlassen. Das einzige „reichsweite“ Jazzverbot galt für den deutschen Rundfunk – und selbst im zentralisierten Rundfunk hat es bis zum Oktober 1935 gedauert, bis der Reichsrundfunkleiter Eugen Hadamovsky ein „endgültiges Verbot des Niggerjazz für den gesamten deutschen Rundfunk“ aussprach: „Der Niggerjazz ist von heute ab im deutschen Rundfunk ausgeschaltet, egal in welcher Verkleidung er uns dargeboten wird.“ Dieses Verbot wurde allerdings, kaum dass es in Kraft trat, von ihm selbst unfreiwillig unterlaufen: In der Sendung „Vom Cakewalk zum Hot“ präsentierte Hadamovsky die verbotene Musik in Einzelbeispielen. Eine Königsberger Kapelle spielte die „Niggermusik“ jedoch so exzellent, dass die abschreckende Wirkung verpuffte und statt dessen etliche Jazzfreunde am Radio erfreute.

Der Bremer Versuch, Jazz zu verbieten

Auch in Bremen hat es einen Versuch gegeben, diese schräge Musik und das Tanzen danach zu verbieten. Doch es blieb beim Versuch: Im November 1938 kündigte der Gauhauptstellenleiter des Gaus Weser-Ems großmundig an, dass
„demnächst im Gau Weser-Ems das Tanzen und Spielen des Swing und des Hot durch Polizeiverbot untersagt wird.“

Tatsächlich schrieb das Reichspropagandaamt Weser-Ems in Oldenburg Anfang Dezember u.a. an den Regierenden Bürgermeister von Bremen, Johann Heinrich Böhmcker. In diesem Brief, den ich im Staatsarchiv fand, verlangt der Leiter des Reichspropagandaamtes Mutze ein Verbot des Swing-Tanzens und des sogenannten „Hot-Spielens“, das ihn an die „Geräuschkulisse eines Urwaldes“ erinnerte. Die Selbstkontrolle der Gaststätten und Kapellen sei ohne polizeiliche Unterstützung wenig wirkungsvoll, mahnte Mutze.

„Da bisher reichsseitig keine Regelung erfolgt ist, bitte ich Sie, die Ihnen nachgeordneten Dienststellen anzuweisen, das Swing-Tanzen und das „hot spielen“ grundsätzlich zu verbieten, da das Swing-Tanzen eine Gefährdung der Sitte und Moral darstellt. Damit wäre wenigstens für das Gaugebiet Weser-Ems eine grundsätzliche Regelung getroffen.“

Doch so einfach gestaltete sich das nicht: Mutze erwähnte in dem Brief, dass in Oldenburg und Osnabrück bereits polizeiliche Verbote erlassen worden seien. Als der Bremer Polizeipräsident sich dort erkundigte, „nach welchen gesetzlichen Bestimmungen Sie das Verbot erlassen haben, ob es von Erfolg war und welchen Wortlaut es hatte“, wusste man dort jedoch nichts von einem polizeilichen Verbot. In Osnabrück hatte lediglich der Kreisleiter der NSDAP alle Gaststätteninhaber und Kapellmeister aufgerufen, „Swingtänze und Negermusik nicht zu dulden“.

In Bremen kam man schließlich zu der Auffassung, dass solche Aufrufe sinnvoller seien als polizeiliche Verbote, im übrigen sei es auch nicht „Aufgabe der Polizei, derartige Missstände zu beseitigen“, das sei eher „Sache der Partei oder der Dienststellen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“. Mit dieser Antwort wurde die Angelegenheit wieder zurück nach Oldenburg geschickt und nach zwei Monaten ohne Antwort zu den Akten gelegt.

Warum es kein reichsweites Verbot gab

Die Vorgänge in Bremen sind ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten der Nationalsozialisten bei einem Verbot des Jazz: Trotz aller propagandistischer Hetze hatte Goebbels versäumt, das Verbotssystem zu zentralisieren. Jeder zuständige Regierende handelte nach eigenem Ermessen. Und für Böhmcker war die Verbreitung von Swingtanz und Hot-Musik in Bremen vermutlich nicht ausreichend, um die „sittliche Moral“ zu „gefährden“.

In Hamburg ging man härter vor: Im Juni 1939 wurde dort ein Verbot des Swingtanzes ausgesprochen, ab 1940 wurden die Jugendlichen, die durch Swingtanz und -Musik auffielen, verstärkt observiert, und ab Mitte 1941 wurde in der Hamburger Gestapoleitstelle sogar ein eigenes Dezernat für die Verfolgung der sogenannten „Swing-Heinis“ eingerichtet.

Ein reichsweites Verbot des Jazz wäre allerdings vermutlich auch nicht durchzusetzen gewesen: Jazz lässt sich sehr schwer definieren, und der Unterschied zwischen der damals populären Tanzmusik und dem Swing war teilweise nur klein. Die Leute wollten nach unbeschwerten Schlagern und fröhlicher, swingender Musik tanzen, nicht nach Militärmusik marschieren. Nach Kriegsbeginn war gute Laune geradezu ein „kriegswichtiger Artikel“. So erklärt sich, dass zumindest in der ersten Phase des Krieges zwar zu Beginn einer militärischen Aktion zeitweilige Tanzverbote ausgesprochen, aber nach deren erfolgreicher Beendigung sehr schnell wieder aufgehoben wurden. Erst nach Stalingrad blieb öffentliches Tanzen bis Kriegsende verboten. Dazu kam, dass die Nationalsozialisten eine gewisse politikfreie Privatsphäre dulden mussten, um ihre eigene Macht zu festigen. Doch gerade im Privaten blühte der Jazz auf.

Was sich die Nazis sonst noch ausdachten

Statt Verbote mussten die Nationalsozialisten sich etwas anderes einfallen lassen. Ein Mittel, wenigstens die „fremdrassigen Einflüsse“ in der deutschen Unterhaltungsmusik auszuschalten, war der Versuch der Nationalsozialisten, einen „deutschen“ Jazz zu erfinden. Zahlreiche Wettbewerbe wurden in der Friedenszeit ausgeschrieben, um herauszufinden, was die „neue deutsche Tanzmusik“ ausmachen sollte. Man setzte auf mehr Melodie und konventionellere Harmonien. Doch die Sieger dieser Wettbewerbe spielten entweder zu jazzig für den Geschmack der NS-Kulturwächter oder derart verwässert und nichtssagend, dass sie vom Tanzpublikum nicht als Ersatz anerkannt wurden. Einen anderen Weg stellten die Listen mit verbotener Musik von jüdischen Komponisten oder Interpreten dar. Neben „Klassikern“ wie Felix Mendelsohn-Bartholdy u.a. galt die Musik von Benny Goodman, George Gershwin, Irving Berlin ab 1938 als „unerwünschte und schädliche Musik“. Doch die Kontrolleure, die die Tanzlokale nach dieser verbotenen Musik durchsuchten, waren nach den Aussagen zahlreicher Zeitzeugen oftmals unmusikalisch. Sie konnten die Jazzstücke nicht erkennen, wenn sie andere Titel trugen oder etwas anders gespielt wurden. Also schnitten viele Musiker die Notenblattköpfe ab und kündigten die Songs mit deutschen Titeln an. So wurde aus dem beliebten „Tiger Rag“ in Bremen der „Schwarze Panther“ oder die „Tigerjagd im Bürgerpark“. Die Musikschnüffler ließen sich beirren, und die meist jugendlichen Swing-Freunde waren begeistert.

Treffpunkte der Swing-Kids in Bremen

Die Jugendlichen eroberten sich ihre Freiräume selbst in diesem gerade für die Jugend recht straff organisierten Staat. In Hamburg trafen sich die Jungen und Mädchen im Alsterpavillon, in Bremen gingen sie ins Atlantic Café in der Knochenhauerstraße, ins Astoria, Katharinenstraße, in den Europa-Café am Bahnhof und andere Lokale, um Bernhard Etté, Juan Llossas, Barnabas von Gecy und andere Bands zu hören. Vor allem die holländischen Orchester wie Ernst van’t Hoff und John Kristel oder der Schweizer Teddy Stauffer (der allerdings nach meinen Informationen nie in Bremen gastierte) galten als besonders swingend. Diese Bands hatten einen ganz besonderen „drive“, weil sie in engerem Kontakt mit England oder Amerika standen. Vielleicht auch, weil ihnen die patriotischen Vorbehalte fehlten, die viele deutsche Musiker daran hinderte, sich unbekümmert über die nationalsozialistische Tabus hinwegzusetzen. Da die Bremer Swing-Boys und Swing-Girls meist minderjährig waren und nie viel Taschengeld erhielten, mussten sie sich einiges einfallen lassen, um die geliebte Musik live zu erleben: Einige waren im Astoria oder Atlantic so bekannt, dass sie Dauerkarten bekamen, sogenannte „Passepartouts“, oder sie konnten die Portiers mit Zigaretten und Cognac bestechen. Andere, wie Herbert Wenzel, der 1926 geboren wurde, erzählten mir: „Wir hatten irgendwie so einen Dreh bekommen, dass wir hinten rum ins Atlantic kamen, so über die Dächer und durch den Keller. Wenn die anderen, die in der Schlange standen, endlich kamen, saßen wir schon längst auf der Balustrade.“ Wenn wieder einmal eine HJ-Streife oder die Gestapo in den Tanzlokalen das Alter der Anwesenden kontrollierte, ging es auf dem gleichen Wege in den Keller hinter die Bierfässer oder über die Hinterhöfe nach Hause. Niemand, den ich sprach, wurde je geschnappt. Aber jeder ahnte, was einem drohte, wenn sie sich erwischen ließen. Selbst Margarethe Berberich, geboren 1914, die bereits alt genug war, in die Tanzlokale zu gehen, überkam ein ungutes Gefühl, wenn die Nationalsozialisten ins Astoria kamen. Sie sagte mir: „Wenn die kamen, bin ich auf Toilette gegangen. Obwohl ich ja nicht gesucht wurde, aber die waren mir so unsympathisch. Ich selbst habe keine schlechten Erfahrungen gemacht, ich bin vielem aus dem Weg gegangen. Aber ich weiß, dass man einfach in einer Razzia geraten konnte, und da wurde nicht lange gefackelt, da kam man einfach in die Grüne Minna rein! Die hatten ziemlich ruppige Methoden. Und wer so was einmal mitmacht, der hält hinterher den Mund, der sagt gar nichts mehr. Deshalb bin ich während des Krieges dann auch weniger ausgegangen, man war sich seiner Sache einfach nicht mehr sicher.“

„Verfolgung“ in Bremen

Über die Verfolgungen der Bremer Polizei oder der Gestapo gibt es keine Akten mehr – auch die Bremer Gestapo hat bei Kriegsende sorgfältig alles belastende Material verbrannt. Nur zwei Akten sind offenbar vergessen worden. Es geht hier um eine Razzia, die am Samstag, den 5. April 1941 vor und im Atlantic-Café stattfand und, so die offizielle Begründung, „dem Schutze der Jugend und der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ dienen sollte. 

Der Fall schlug Wellen, da bei dieser Gelegenheit auch unbescholtene junge Mädchen festgenommen wurden, die nur einen Kaffee trinken wollten. Offenbar ging es hier in erster Linie darum, gewisse „zweifelhafte Damen“ aus dem Tanzlokal zu vertreiben. Doch auffallend ist, dass just am 5. April 1941 das Gastspiel des Holländers John Kristel mit seinem Swing-Orchester im Atlantic-Café begann. Kristel hatte zwei Monate zuvor im Hamburger Alsterpavillon die dortige Swing-Jugend derart in Stimmung gebracht, dass sich die Polizei genötigt sah, das Lokal zu schließen. Ich vermute, dass die Bremer Polizei von diesen Vorkommnissen wusste, und dass die Razzia im Atlantic zumindest auch als abschreckende Maßnahme für die hiesige swingbegeisterte Jugend gedacht war.

Privater Tanztee

Doch nicht nur in den einschlägigen Tanzlokalen wurde Swing und swingähnliche Musik gehört. Auch in den Tanzschulen z.B. von Gustav Hölzer und Gertrud Ehlers ergab sich manches Mal die Möglichkeit, die eigentlich verpönten und später sogar verbotenen „englischen Tänze“ zu tanzen. Im Krieg, als es keine öffentlichen Tanzgelegenheiten mehr gab, trafen sich die Jugendlichen privat zum Tanztee. Lore von Engel, geboren 1923, erinnerte sich: „Wenn die Fronturlauber aus meinem Freundeskreis nach Hause kamen, ging es sofort los mit Tanzen. Du konntest ja sagen, du lädst ein paar Freunde ein, und es waren ja Fronturlauber, bei denen wurden ja nun wirklich Augen und Ohren zugedrückt. Und denn wurde getanzt. Wenn wir zu laut waren, dann haben die Nachbarn mal geschimpft. Aber die Tochter des einen Nachbarn tanzte ja mit, und der konnte denn auch nicht viel sagen, dann hätte er es erst einmal ihr verbieten müssen!“

Das geliebte Koffergrammophon

Jeder bemühte sich, ein Koffergrammophon zu besitzen, um damit mit seinen Freunden Zuhause, im Stadionbad, am Weserstrand und auf Paddelbooten Schallplatten zu hören. Am beliebtesten waren englische Platten, die man sich „über Schleichwege“ aus dem Ausland besorgte oder über gute Beziehungen zu den Verkäufern der Musikgeschäfte. Da die Grammophone und die Platten so kostbar waren, wurden sie selbstverständlich auch bei Fliegeralarm in die Luftschutzbunker genommen. Ernst-August Röhl erinnerte sich an die allabendlichen Luftangriffe, die er im Atlantic erlebte: „Da war es an der Tagesordnung, dass um halb neun die Sirenen gingen. Alles ging in den Keller. Musiker, Gäste, Bedienungspersonal. Dann haben sie ihre Instrumente mit runtergenommen. Und auf einmal fing einer mit dem Bass an. Ganz leise. Und dann kam einer mit einer Geige und zog so rüber. So ganz leise, schöne Sachen. So etwas kann man nicht bestellen. Und wenn dann Entwarnung war, wurde wieder weitergemacht. Das hat uns ja nicht gestört. Das gehörte einfach dazu.“

„Schwarzhörer“

„Feindsender“ wie BBC London und der Soldatensender Calais, die regelmäßig englische und amerikanische Tanzmusik brachten, waren im Krieg bei den Swingfreunden ebenfalls sehr beliebt. Mit der Wolldecke über dem Radiogerät und „irgendwo ’nen Draht hinten angebracht, der quer in die Landschaft hing“ konnte man die neuesten Hits empfangen. Aber „immer schön leise“, damit die Nachbarn nichts hörten – die sogenannten „Rundfunkverbrechen“ wurden drakonisch bestraft. Die BBC brachte sogar eigens für die deutschen Wehrmachtssoldaten Sendungen, in denen Glenn Miller propagandistischen Swing präsentierte. Aber die Nationalsozialisten standen den Alliierten im „Propagandakrieg“ nicht nach: Ab November 1939 wurde in Bremen der neue, speziell für Auslandspropaganda ausgerüstete Sender Osterloog in Betrieb genommen, der seine Propaganda in Richtung Britische Inseln sendete. Seit Anfang 1940 sorgte die deutsche Band „Charly and his Orchestra“ für die musikalische Untermalung. Erstklassige Swing- und Jazzmusiker aus Deutschland und dem besetzen oder befreundeten Ausland wurden dafür dienstverpflichtet. Die Songs, die die Kapelle spielte, waren original englische und amerikanische Jazztitel, die mit neuen Texten versehen wurden. Diese Texte richteten sich, teilweise recht plump, gegen Churchill, die Sowjetunion, die Amerikaner und natürlich gegen die Juden.

Lange Haare statt Führerschnitt

Man konnte sie meistens schon von weitem erkennen, die von den Nationalsozialisten sogenannten „Swing-Heinis“. Richtige „Stenze“ waren sie, wie man damals sagte. Margarethe Berberich erinnerte sich an die etwa zehn Jahre jüngeren Swing-Freunde in Bremen:
„Die Hotter erkannte man gleich. Die Haare ein bisschen länger, obwohl sie es nicht durften, und die Hosen ein bißchen schlabberiger, und denn einen Schal um, also irgendwie ein bisschen auf Theater gemacht. Die nahmen sich selbst sehr wichtig.“
In den Friseurstuben hingen Schilder, nach denen es nicht erlaubt war, Jungen unter 18 Jahren etwas anderes zu schneiden als den militärisch kurzen „Führer- oder Kommisschnitt“, also Streichholzlänge und zwei Finger breit über dem Ohr blank. Aber die Jungen hatten bald heraus, welche Friseure ihnen auch zivile Fasson-Frisuren schnitten, bei denen die Nackenhaare wachsen konnten. Am besten sollten die Haare bis über das Kinn gehen, wenn man sie ins Gesicht kämmte. Ab und zu wurden die Swing-Freunde aber auch von der Hitler-Jugend aufgegriffen, wie sich Robert Kusserow, Jahrgang 1928, erinnerte, dann wurden ihre Haare derart kurz geschoren, dass sie sich schämten, so in die Stadt zu gehen.

Swing-Heinis und Hitler-Jugend

Für die wenigsten der Swing-Jugendlichen war es eine Frage, zur Hitler-Jugend zu gehen. Aber wer sich z.B. aus gesundheitlichen Gründen drücken konnte oder wenigstens in den Fanfarenzug kam, war froh darüber. Einige waren darüber hinaus sehr erfinderisch, um dem Staatsdienst zu entgehen: Robert Kusserow war mit zehn Jahren ins Jungvolk gekommen, doch es gefiel ihm dort nicht. Als er mit 14 Jahren in die eigentliche Hitler-Jugend übernommen werden sollte, verzögerte er den Übergang so lange wie möglich, indem er sich nicht beim zuständigen HJ-Zug meldete. Erst als dies nicht mehr möglich war, meldete er sich an. Er wollte gern in den Fanfarenzug, doch da er kein Instrument beherrschte, wurde er nicht einmal als Trommler aufgenommen. 

Ein Freund erzählte ihm daraufhin von den Schnellkommandos bei der Polizei. Ihre Aufgabe war es, bei Fliegeralarm als Melder zur Luftwaffenzentrale zu laufen und bei Bombenschäden das Gelände abzusperren, damit die Löscharbeiten ungehindert ablaufen konnten. Die Jungen vom Schnellkommando schliefen drei bis vier Nächte pro Woche unter dem Dach der Polizeiwache, und eines Tages brachte einer von Kusserows Freunden ein Grammophon mit: „Da hörten wir quasi unter Aufsicht der Polizei Jazzplatten.“
Als dann jedoch auf Weisung aus Berlin die Schnellkommandos nach „Drückebergern“ wie ihm durchsucht wurden, wagte er die Flucht nach vorne und meldete sich freiwillig zu den Panzerjägern. Das Kriegsende verhinderte, dass er noch an die Front kam.

Die Kleidung der Stenze

Doch ob in der Hitler-Jugend oder nicht, außerhalb der Dienstzeit, wenn man sich mit Freunden traf, um Musik zu hören oder zu tanzen, legte man äußersten Wert auf elegante Kleidung. Ein leger gebogener Borsalino- oder Stetson-Hut, maßgeschneiderte Anzüge aus feinsten Stoffen, auffällige Krawatten und Schuhe mit dicker Kreppsohle (die man sich aus alten Autoreifen selbst zuschnitt!) gehörten zur stilechten Aufmachung. Da wurden selbst im Krieg noch, von kaum 16-, 17jährigen Jugendlichen, rote Seidenhemden organisiert, dazu nach Möglichkeit weiße Seidenschals und helle Staubmäntel. Ein eng zusammengerollter Regenschirm gehörte ebenso zum kompletten Aufzug wie eine englische Zeitung in der äußeren Manteltasche. Die Mädchen standen den Jungen in Eleganz in nichts nach. Mit Seidenstrümpfen und femininen Kleidern gingen sie aus, oder sie schneiderten sich die Hosen ihrer Väter um. Sie „taten ganz auf elegante Dame“, wozu auch die Zigarettenspitze gehörte – auch wenn sie nach eigenen Angaben kaum richtig rauchen konnten. Modische Vorbilder der Swings waren unverkennbar amerikanische Filmstars, die sie in Hollywood-Filmen vor 1940 bewundern konnten, aber auch deutsche und europäische Filmschauspieler wie Marlene Dietrich und Johannes Heesters. Wer nicht das nötige Geld von seinen Eltern bekam, besorgte sie die Kleidung vom Trödler und ließ sie sich umnähen oder jobbte als Pennäler im Hafen, um sein teures Hobby zu finanzieren. Es gab allerdings auch HJ-Führer in Bremen, die die „Niggermusik“ schätzten. Walter Brandes, Jahrgang 1930, erzählte mir von seinem HJ-Führer Günther Schnittjer, später ein bekannter Jazz-Gitarrist. Schnittjer trug unter seiner HJ-Uniform manchmal einen weißen Seidenschal. Bei einem offiziellen HJ-Aufmarsch brachte er sogar dem Trommler des Fanfarenzuges heimlich den Rhythmus vom „Song of India“ bei. Und Ernst-Heinrich Bullenkamp, der nach dem Krieg das berühmteste Bremer Jazzlokal in der Neustadt hatte und für sein Klavierspiel bereits Ende der dreißiger Jahre bekannt war, konnte bei geselligen Veranstaltungen der Hitler-Jugend am späteren Abend auch mal etwas Jazzmusik spielen, was begeistert aufgenommen wurde.

Anti-Haltung oder Widerstand?

Nach dem Reichsarbeitsdienst wurden Jugendliche der Jahrgänge 1926 bis 1928 in den letzten Kriegsjahren als Luftwaffen- oder Marinehelfer eingezogen. Obwohl diese Generation fast vollständig im Dritten Reich aufgewachsen war, lässt sich bei ihnen eine weitverbreitete Anti-Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus erkennen. Sie lehnten Hitler-Jugend und die braunen Funktionäre oft entschieden ab. Das Führer-Image hatte eine geringe Wirkung auf sie, und sie verhielten sich alles andere als ideologietreu. So scherten sie sich wenig um die Verbote, mit Kriegsgefangenen zu sprechen oder „Feindsender“ zu hören. Zu dieser pubertären Antikultur gehörte auch sehr häufig eine Swingbegeisterung als Symbol für eine Welt ohne Zwänge. Diese Antikultur läßt sich auch bei Bremer Flakhelfern beobachten: Auf einem Foto, das mir Rudolf Engeln zeigte, versuchten die jungen Flakhelfer, die HJ-Armbinde zu verdecken, denn schließlich waren sie ja schon fast richtige „Soldaten“ und keine Hitler-Jungen mehr. Bei den Erstappellen auf der Bürgerweide fanden sich nach einigen Aussagen von ehemaligen Flakhelfern zahlreiche „langhaarige Stenze“. Sie mussten sich zwar sofort die Haare schneiden lassen, aber die innere Haltung behielten sie. Mit Zweireiher und Filzhut ausgerüstet, fielen die Jugendlichen in Bremen auf, und auffallen und sich abheben wollten sie auch. Jedoch nicht aus einem wie auch immer gearteten „Widerstandsbewusstsein“ heraus. Alle ehemaligen Swing-Jugendlichen, die ich befragt habe, wehrten sich dagegen, eine bewusste politische oder sogar antifaschistische Haltung eingenommen zu haben, wie es der Swing-Jugend in der Nachkriegsforschung oft nachgesagt wurde. Eine Mischung von jugendlichem Trotz und persönlicher Eitelkeit war die Antriebsfeder bei vielen, der Wunsch, anders zu sein. Reinhard Henke, geboren 1921, formulierte es so: „Wir haben nicht bewusst gegen die Verbote aufgemuckt, wir haben nur alles andere als die Musik ignoriert. Und uns die Freiheit genommen, die wir brauchten.“ Und Roland Pappier, Jahrgang 1918, sagte zu mir: „Wir mochten Benny Goodman und hatten keine Lust auf das, was da sonst noch lief. Wir haben uns abgewendet davon, sind in hellem Staubmantel herumgelaufen, also sehr anglophil. Wir wollten uns einfach nicht von der Hitler-Jugend einvernehmen lassen. Das war aber keine Bewegung, man muß das nicht alles glorifizieren, das war einfach eine Abwehr gegen diese organisierte Jugendbewegung!“ Man kann nicht sagen, dass Swing hören oder tanzen ein Akt des „Widerstandes“ gewesen wäre. Aber die Swing-Boys und Swing-Girls haben dem Nationalsozialismus „widerstanden“, soweit sie es konnten und mit den Mitteln, die sie zur Verfügung hatten. Sie bekannten sich, wenn auch unbewusst, in einer Zeit der Massenbewegung zur Individualität. In Bremen war dieses Bekenntnis außerdem weniger heikel als in Hamburg – was nicht heißen soll, dass die NS-Regierung in Bremen weniger streng war, sondern nur, dass die Swing-Szene in Bremen weniger offensichtlich war als in Hamburg. Wenn ich meine Interviewpartner und ihre Freundeskreise hochrechne, komme ich auf etwa 150 Jugendliche, die in den dreißiger und vierziger Jahren in Bremen als „Swing-Heinis“ gelten konnten. Bei einer Razzia auf einer Hamburger Party 1941 wurden fast 500 Jungen und Mädchen festgenommen. Dort wurden allerdings auch entfernte, im heutigen Jargon „Sympathisanten“ hinzugezählt und nach oben aufgerundet, um in Berlin einen guten Eindruck zu machen. Tatsache allerdings ist jedoch, dass der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, von den Hamburger Vorkommnissen in Kenntnis gesetzt, im Januar 1942 an Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitsamtes, schrieb: „Ich bin dagegen, dass wir hier nur halbe Maßnahmen treffen. Alle Rädelsführer (…) sind in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dort muss die Jugend zunächst einmal Prügel bekommen. Der Aufenthalt im Konzentrationslager muß ein längerer, 2-3 Jahre sein. Es muß klar sein, daß sie nie wieder studieren dürfen. Nur, wenn wir brutal durchgreifen, werden wir ein gefährliches Umsichgreifen dieser anglophilen Tendenzen vermeiden können.“ Ab Juni 1942 wurden 40 bis 70 Hamburger Swing-Heinis in das Jugend-KZ Moringen bzw. Uckermarck als politische Straftäter eingewiesen. Bis zum Kriegsende wurde keiner von ihnen entlassen. Die meisten warten noch heute auf Wiedergutmachung, da bis vor wenigen Jahren Moringen nicht als Konzentrationslager galt.

Wider die Verwahrlosung der Jugend

Warum waren die Swing-Jugendlichen eigentlich so „gefährlich“ für die Nationalsozialisten, dass sie so hart durchgriffen? Einmal waren ihnen die lockeren, undisziplinierbaren Tanzbewegungen des Swings suspekt. Sie förderten die Erotik und Sinnlichkeit, die von den prüden Nationalsozialisten abgelehnt wurden. Aus diesem Grund lautete einer der meistgenannten Vorwürfe gegen die Swing-Jugendlichen „sexuelle Ausschweifungen“. Dazu kam nach Kriegsbeginn die Vorliebe der Swing-Boys zu England und Amerika. Dadurch standen sie in Verdacht, „Agenten“ der Briten im Reichsinneren zu sein. Außerdem waren den Nationalsozialisten klar, dass sich diese Jugendlichen von der NS-Ideologie distanzierten und sich nicht in die Volksgemeinschaft eingliedern lassen wollten. 

Die Individualität, die im Jazz zum Ausdruck kommt, passte nicht zu der von oben verordneten Jugend- und Massenkultur. Die Machthaber befürchteten eine von den Swing-Gruppen ausgehende Signalwirkung für das ganze Reich. Und sie fürchteten eine Ausweitung der „Verwahrlosung der Jugend“. Goebbels machte den Jazz für die Kriegsmüdigkeit der jungen Generation verantwortlich.

Die Liebe zum Swing hat auch hier in Bremen, so vermutete der 1926 geborene Rudolf Engeln, eine „gewisse Grundhaltung“ vorbereitet, die die jugendlichen Swing-Freunde zwangsläufig in mehr oder weniger offene Konflikte mit den Nationalsozialisten brachte. Er meldete sich im Sommer 1944 freiwillig als Reserve-Offizier-Anwärter bei der Marine. Die Marine stand ebenso wie die Luftwaffe im Ruf, etwas liberaler und swingliebender zu sein, allerdings musste er schnell feststellen, dass sein Ausbildungsoffizier nicht diesem Ruf entsprach: „Jatz und Swing gibt’s hier nicht!“, begrüßte er die jungen Rekruten.

Bei einer schriftlichen Prüfung etwa im August 1944 trug der junge Engeln als Träger des Ritterkreuzes „Generalfeldmarschall von Witzleben“ ein, der am Aufstand am 20. Juli beteiligt gewesen war – eine zu diesem Zeitpunkt lebensgefährliche Äußerung, die Engeln aus jugendlichem Leichtsinn getan hatte. Daraufhin wurde er beim Militärgericht wegen Zersetzung der Wehrkraft und pazifistischer Äußerung angezeigt. Später wurde die Anzeige wegen Geringfügigkeit fallengelassen. 

Doch während er auf die Verhandlung wartete, durfte er nicht mehr an der Ausbildung teilnehmen und musste statt dessen die Stuben seiner Vorgesetzten putzen. Nicht nur, dass diese „Strafe“ ihm vielleicht das Leben rettete – er wurde nicht mehr an die Front geschickt, wie viele seiner Kameraden -, er kam sogar in einen ganz besonders prekären Genuss: „Wenn ich bei dem einen Leutnant vormittags die Bude sauber machen musste, hab ich immer das Radio so eingestellt, dass es nicht nach draußen drang, das war im Prinzip der gefährlichste Ort, „Feindsender“ zu hören, aber ich wusste ja, die sind alle weg. Dann bin ich da richtig reingekrochen, und wenn Glenn Miller „In the Mood“ spielte, dann hatte ich den ganzen Schmerz der Welt vergessen!“

Das Thema war auch Inhalt meiner Magisterarbeit, die ich im Jahr 1997 an der Universität Bremen abgeschlossen habe. Wer mehr dazu wissen möchte, kann mich gern kontaktieren:
bikonline@gmx.de

Birgit Köhler

Journalistin
Historikerin
Lyrikerin
aus Bremen